Medien : Im Land der Gratiszeitungen

In der Schweiz mischen mittlerweile fünf Umsonstblätter den Pressemarkt auf

René Zipperlen[Basel]

Eine Schweizer Erfolgsgeschichte: Wieder weist die jüngste Studie der Schweizer Werbewirtschaft „20 Minuten“ als erfolgreichste Zeitung der Eidgenossenschaft aus. Das Pendlerblatt erscheint täglich und kostenlos in mittlerweile sieben Schweizer Städten. Mit knapp 1,2 Millionen Lesern liegt das Produkt des Zürcher „Tagesanzeiger“-Verlags Tamedia deutlich vor dem Boulevardblatt „Blick“ (727 000) und dem „Tagi“ selbst (551 000) unangefochten auf Platz eins. 2001 war es noch Rang drei.

„20 Minuten“, das Tamedia laut Branchendienst „Klein Report“ für 110 Millionen Franken von Schibstedt gekauft haben soll, ist aber auch wirtschaftlich ein großer Erfolg: 2005 spülte das Blatt rund 12 Millionen Euro in die Tamedia-Kassen. Das ruft Nachahmer auf den Plan.

Beispiel Basel: Die Stadt hat 190 000 Einwohner und seit diesem Monat gleich vier gratis erscheinende Tageszeitungen. Das etwas größere Freiburg zählt auf deutscher Seite kein einziges tägliches Gratisblatt. Basels Geheimnis sind zum einen die vielen Pendler: 55 000 Schweizer strömen täglich in die Pharma- und Chemiestadt, rund 30 000 kommen aus Deutschland dazu. Und für diese liegen „20 Minuten“ und das traditionelle Regionalblatt „Baslerstab“ überall aus. Dazu kommt die Großoffensive aus dem Ringier-Verlag in den urbanen Zentren: seit Mai gibt es „heute“ (ab 16 Uhr) und seit Mitte September „Cash Daily“, Ableger des Wochenmagazins „Cash“. Die gemeinsame Auflage übersteigt die Einwohnerzahl deutlich.

Eine Goldgräberstimmung hat die Schweiz erfasst. Das Nachsehen haben die Abonnementzeitungen. Die „Basler Zeitung“ etwa beklagt seit Einführung von „20 Minuten“ Abonnentenverluste, die Verleger Matthias Hagemann branchenweit auf etwa zehn Prozent beziffert. Interessant ist dabei eines: Zwar verlor die Tagespresse seit dem Jahr 2000 etwa 3,5 Prozent ihrer Leser. Zählt man jedoch „20 Minuten“ hinzu, kommt unter dem Strich ein Plus von 27 Prozent heraus. Das heißt: Der Gratismarkt geriert neue Leser. Weil aber der Schweizer Werbemarkt nicht parallel wächst, verteilt sich der Kuchen neu. „20-Minuten“-Chef Kohler: „Die Ringier-Initiative wird die Pendlerzeitungen stärken und einen Anzeigenabfluss in diese Kategorie ableiten.“

Deutlich gespürt hat das Ringier selbst, dem als größtem Schweizer Verlag das Boulevardblatt „Blick“ nicht nur gehört, sondern auch Sorgen bereitet: Seit Jahren schwinden Leser und Anzeigenerlöse vor allem in den großen Städten. „Heute“, das als erste Schweizer Abendzeitung seit 30 Jahren die direkte Konkurrenz mit „20 Minuten“ umgeht, soll nun wieder verstärkt jüngere, urbane Leser ansprechen – da schafft es auch mal die Playstation auf die Titelseite. „Heute“ soll aber auch im Anzeigengeschäft mit Kombiangeboten dem „Blick“ unter die Arme greifen. Das klappt bislang offenbar nur mittelprächtig: „Die Erfolge sind unter den Erwartungen“, so Ringier-Sprecherin Prisca Wolfensberger.

Das hat Ringier jedoch nicht davon abgehalten, jetzt auch noch mit großem Aufwand „Cash Daily“ auf den Markt zu werfen. Das Wirtschaftsblatt im Kleinformat soll die Zukunft einläuten und als Crossmedia-Produkt mit Video- und Audioangeboten im Internet (dem „Livepaper“) und fürs Handy eine Million Menschen aus der begehrten Zielgruppe ansprechen, auf die auch „heute“ ein Auge geworfen hat.

Branchenbeobachter Ueli Custer vom „Media Trend Journal“ sieht „20 Minuten“ aber weiter vorne. In allen sieben Ausgaben hat das Blatt einen zweiseitigen Regionalteil; regionale Anzeigen machen etwa 40 Prozent des Marktes aus. Dazu passt, dass Zeitungen wie der „Tagesanzeiger“ die regionale Berichterstattung ausbauen: Der „Tagi“ etwa bekam im Raum Zürich vier neue Regionalausgaben mit 80 neuen Mitarbeitern.

Unterdessen geht auf dem Gratismarkt die Expansion weiter: Die französische Schweiz, bis vor einem Jahr ohne Gratiszeitung, bekam binnen eines halben Jahres gleich zwei. Vergangenen Herbst schickte die Lausanner Edipresse „Le Matin Bleu“ auf den Weg, was Tamedia dieses Frühjahr mit „20 Minutes“ konterte. Gleichzeitig rumort es hinter den Kulissen. Mehrere Zeitungsverlage basteln an einem Gratisangebot. Und Sascha Wigdorowitz, der „20 Minuten“ auf den Weg brachte, hat im Frühjahr angedeutet, mehreren Verlagen Angebote zu machen für ein neues Produkt. Bislang ist noch nichts daraus geworden.

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