Medien : Im Namen des Vaters

Die unerwartete Rede von Franziska Augstein bei der Trauerfeier für ihren Vater bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. In das Lob mischt sich auch Kritik aus den Reihen der „Spiegel“-Redaktion

Ulrike Simon

Franziska Augstein hatte nur ganz wenige in ihren Plan eingeweiht. Ihrem Bruder Jakob Augstein hatte sie nichts verraten, „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust genauso wenig. Nur den Bundespräsidenten Johannes Rau hatte sie wissen lassen, dass sie bei der Trauerfeier für ihren Vater, Rudolf Augstein, entgegen zuvor getroffener Absprachen das Wort ergreifen wird. Die für alle Gäste der Trauerfeier große Überraschung hatte Franziska Augstein gut geplant. So hatte sie rechtzeitig beim Hamburger Senat angerufen, um darum zu bitten, im Michel einen Platz ganz außen zugewiesen zu bekommen, bestätigt die für solche Veranstaltungen zuständige Kristel Gießler von der Hamburger Senatskanzlei. Franziska Augstein musste noch nicht einmal einen Grund nennen, weshalb sie unbedingt ganz außen sitzen will.

Mittlerweile ist der Grund bekannt. Sie wollte eine Rede halten, die so schnell keiner vergisst. Die Rede ist ein Politikum. Es beschäftigte die Zeitungen am Tag danach fast genau so sehr wie die Trauerfeier selbst. Wie groß die Wirkung der Rede war, kann man daran erkennen, dass beim „Spiegel“ mehrere Tage lang diskutiert wurde, ob sie im neuen Heft abgedruckt werden soll oder nicht. Ursprünglich sollten alle Trauerreden im morgen erscheinenden „Spiegel“ dokumentiert werden. Alle, nur nicht Franziska Augsteins Rede zu bringen, hätte für Unruhe gesorgt. Also wurde beschlossen, gar keine abzudrucken. Zur Begründung heißt es, was die Redner gesagt hätten, sei ja in der Presse schon zur Genüge zu lesen gewesen.

Die höchste Aufmerksamkeit bei der Trauerfeier hatte zweifellos Franziska Augstein auf sich gezogen. Manche Journalisten betrieben danach detailliert Textexegese, um zu interpretieren, was die Tochter des „Spiegel“- Gründers mit ihren Worten wohl alles gemeint haben könnte. Zwei Punkte kristallisierten sich als herrschende Meinung heraus: Erstens habe Franziska Augstein damit ihren Anspruch auf die Nachfolge als Herausgeberin des Nachrichtenmagazins angemeldet. Und zweitens habe sie gezielte Spitzen gegen „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust abschießen wollen. Vor allem aber, darin waren sich alle einig, habe Franziska Augstein eine glanzvolle, eine brillante, eine ergreifende Rede gehalten, in der jedes Wort saß, jeder Ton stimmte.

„Die Rede war vollkommen überflüssig und hat überhaupt nichts gebracht“, sagt Werner Funk. Der ehemalige Chefredakteur des „Spiegel“ (1986 bis 1991) und spätere Chefredakteur des „Stern“ war am vergangenen Montag anwesend, als Franziska Augstein sprach. Es hat ihn erstaunt, was und wie sie redete. Und er kommt zu dem Schluss: „Ich bin gegen die Monarchie im politischen System, und ich bin auch gegen die Erbfolge. Hätte Rudolf Augstein seine Kinder beim ,Spiegel’ einsetzen wollen, hätte er das in den vergangenen zehn Jahren tun können. Er hat es nicht getan, und er wird seine Gründe gehabt haben.“

Funk ist einer, aber er ist nicht der einzige, der sich darüber ärgert, dass Franziska Augstein „ohne Sinn und Verstand“ die Redaktion und die beim „Spiegel“ so diffizil arbeitende und hoch geachtete Dokumentation angegriffen hat. Dazu muss man wissen: Jeder einzelne Artikel, der im „Spiegel“ erscheint, wird in der Dokumentation zuvor gründlichst nach Fehlern durchforstet. Und dann blamiert Franziska Augstein öffentlich die Dokumentare, indem sie in ihrer Rede schulmeistert, dass die Vornamen ihres Vaters nicht Rudolf Karl, sondern Karl Rudolf gelautet hätten. Die Dokumentare bloßstellen – so etwas hätte Augstein nie gemacht, sind sich seine Vertrauten sicher. Mehr noch: Die Familie soll erst durch den „Spiegel“ erfahren haben, dass die Reihenfolge der Vornamen im Totenschein nicht mit der in der Geburtsurkunde übereinstimmt.

Merkwürdig in Franziska Augsteins Rede wirkte auch die Anekdote, wie ihr Vater einmal Banker, die mit ihm über die Finanzierung der Suche nach dem Bernsteinzimmer verhandeln wollten, im Bademantel empfangen hat. Franziska Augstein erzählte diese Geschichte, die anderthalb Wochen zuvor schon im „Stern“ zu lesen war. Augsteins enge und langjährige Mitarbeiterin Irma Nelles hatte sie Autor Arno Luik erzählt. Franziska habe die Geschichte genutzt, um deutlich zu machen, was ihr Vater von Stefan Austs enthusiastischer Suche nach dem Bernsteinzimmer gehalten habe, interpretierte die „Welt“. Tatsache ist jedoch, dass sich jene Bademantel-Geschichte viele Jahre vor Austs Berufung zum Chefredakteur zugetragen hat.

Viele urteilen, es sei Franziska Augsteins gutes Recht gewesen, bei der Trauerfeier ihres Vaters das Wort zu ergreifen. Sie sagen, das hätte ihrem Vater bestimmt gefallen. Doch sie widersetzte sich damit Absprachen mit Aust und auch mit ihrem Bruder. Bereits bei der Beerdigung, wissen Vertraute, war es zwischen den Geschwistern zum Streit gekommen. Wie Sebastian Bickerich vom Bundespräsidialamt bestätigt, hatte es von Amtsseite die Anregung gegeben, die Zahl der Redner zu begrenzen. Es wurde daraufhin einvernehmlich beschlossen, dass Aust, Gruner + Jahr-Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen und Augsteins Kinder keine Rede halten werden. Aust, Schulte-Hillen und Jakob hielten sich daran – Franziska nicht.

Beide, Jakob und Franziska, arbeiten als Journalisten bei der „Süddeutschen Zeitung“. Während Augsteins Sohn als zurückhaltend gilt, wird die Tochter von jenen, die sie kennen, als ehrgeizig beschrieben. Schon vor einiger Zeit hatte sie den „Spiegel“-Geschäftsführer darauf angesprochen, im Verlag aktiv werden zu wollen. Sie solle erst woanders Personalverantwortung übernehmen, bekam sie zur Antwort.

„Spiegel“-Redakteure kolportieren jetzt, Stefan Aust drohe damit, dass er geht, falls sie kommt. Doch Aust genießt zurzeit mehr Rückhalt denn je. Auch die größten Aust-Kritiker haben Achtung vor seinen Bauchentscheidungen, die mit zum Erfolg des Nachrichtenmagazins beitragen. Im übrigen soll in Stefan Austs Vertrag stehen, dass er die Redaktion „selbstständig und verantwortlich nach den Richtlinien des Herausgebers Rudolf Augstein“ leite. Die Betonung liegt auf Rudolf Augstein.

Viele urteilen, es sei falsch gewesen, dass Aust in der „Spiegel“- Hausmitteilung der Nachrufe-Ausgabe zu Augsteins Tod geschrieben hat: „Nach ihm kann und wird es keinen Herausgeber geben, der diesen Titel verdient. Die Schuhe sind zu groß. Sie sich anzuziehen wäre eine Anmaßung.“ Aus dem Kreis der Familie ist außerdem zu hören, dass es zu Verstimmungen geführt hat, dass in dieser Ausgabe weder die Familie zu Wort kam noch abgebildet war.

Doch niemand anderes als die Gesellschafterversammlung hat zu entscheiden, ob der „Spiegel“ künftig einen Herausgeber haben wird oder nicht. Die nächste reguläre Gesellschafterversammlung findet Ende April statt, bis dahin füllen Aust und Geschäftsführer Karl-Dietrich Seikel kommissarisch die Funktion des Herausgebers. Wollte Aust mit diesem Satz in pietätvoller Weise klarstellen, dass er sich nicht anmaßen will, Herausgeber zu bleiben? Oder wollte er damit ausdrücken, dass sich niemand, auch nicht Augsteins Kinder, anmaßen sollen, die Nachfolge als Herausgeber anzutreten?

Sinnvoll wäre die Berufung eines neuen Herausgebers, um mit ihm ein Korrektiv zu dem unter mangelndem Machtbewusstsein nicht leidenden Chefredakteur Aust zu installieren. Ein Augstein als Herausgeber, gleichgültig mit welchem Vornamen, hätte zudem einen große Wirkung, nach außen wie nach innen. Die Frage ist, ob einer der beiden Journalisten, Franziska und Jakob Augstein, diese geistige Instanz für den „Spiegel“ sein könnten. Oder anders: Ob die beiden – beziehungsweise einer von ihnen – in diese Rolle hineinwachsen könnten. Zuletzt fungierte Jakob in der Gesellschafterversammlung als Sprecher der Erbengemeinschaft. Doch er hält sich zurück und wird das weiter so halten, sagt er auf Anfrage. Wie sehr Franziska in das Amt drängt, und ob ihre Rede richtig interpretiert wird, weiß letztlich nur sie selbst, und auch sie wehrt Anfragen ab.

Andererseits dürften sich die Erben bewusst sein, nur als Herausgeber Einfluss beim „Spiegel“ bekommen zu können. Die „Spiegel“-Gesellschafter Gruner + Jahr und die Mitarbeiter KG wollen ihr vertraglich zugesichertes Recht wahrnehmen und den Erben jeweils ein halbes Prozent abkaufen. Damit verbleiben für die Erben nur noch 24 Prozent – eine Beteiligung ohne Veto-Möglichkeiten gegen Beschlüsse von Gruner + Jahr und den Mitarbeitern, die dann zusammen auf 76 Prozent kommen.

Einige „Spiegel“-Mitarbeiter scheinen bereits mit Franziska Augsteins wachsendem Einfluss zu rechnen. Nach der Trauerfeier scharte sich eine ganze Traube von Redakteuren um sie und begleiteten sie in eine Hamburger Kneipe.

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