Medien : Im Osten ein bisschen was Neues

RBB und ZDF zeigen vier Filme, die Geschichten vom Leben und nicht nur vom Scheitern erzählen

Gunnar Decker

Der schönste Film über die ostdeutsche Provinz heißt „Stilles Land“. Aber als Andreas Dresens Erstling 1992 ins Kino kam, wollte ihn kaum jemand sehen. Nicht im Osten und nicht im Westen. Vielleicht weil er die Atmosphäre in der untergehenden DDR so präzise einfing: zunehmende Immunisierung gegen Ideologie einerseits, Behaupten einer geistigen Alternative andererseits. Nach der Wende aber wucherten im Rücken der Ankunftsrituale West die Abschwörungsrituale Ost. Bereit sein, alles zu vergessen, was einen geprägt hat, um besser in die neue Zeit zu passen? Das war die gedächtnislose Nachwendezeit.

Nun also alles wieder auf Anfang, konzertierte Suche nach der verlorenen Zeit?

„Ostwind", die Filmreihe von RBB und ZDF, will nicht Welle, sondern Werkstatt für Eigensinnige sein. Das ist nicht etwa unpolitisch, es räumt Stereotype beiseite. Denn warum fallen Filmszenarien heute meist deutlich ab gegenüber jenen Geschichten, die Jurek Becker oder Ulrich Plenzdorf bereits vor dreißig Jahren über den Osten erzählten? Weil zu wenig Unlösbares (Unerlöstes!) in ihnen drängt und rumort. Weil zu vieles zu lange auseinander sortiert wurde, bis es auseinander fiel. Das Vitale einer Geschichte ist aus ihr eben nicht als Anschauungsfall heraus präparierbar, ohne dass der Tod eintritt. Langeweile aus didaktischer Absicht.

„Outlaws“, ein Dokumentarfilm von Rolf Teigler, ist überhaupt nicht didaktisch. Er zeigt Wendekinder im Jugendknast. Gier nach schnellem Geld hat sie hierher gebracht. Keine Reue. Viel Geld, sagen sie, will doch jeder (am 22. November im RBB und im ZDF).

„Befreite Zone“ (Regie: Norbert Baumgarten) wirkt dagegen wie in einer Redakteursdauersitzung entworfen. Wer am längsten durchhält, bestimmt das Finale. Alle Ecken rundgeschliffen. Blondi, der neue schwarze Stürmerstar des örtlichen Fußballklubs, versetzt den kleinen Brandenburger Ort Sässlen in wahre Aufschwungseuphorie. Man glaubt an den unaufhaltsamen Aufstieg. Die örtliche Mafia sitzt mit dem Bürgermeister am Kneipentisch, zwei brutal-dämliche Skinheads besetzen das Segment Jungmännerverirrung, und ein bulgarischer Trainer mit unkonventioneller Lachtherapie für seine Spieler erinnert an einen früheren Trainer von Union Berlin. So weit ganz hübsch. In der Provinz aber ist es langweilig, darum treibt es hier jeder mit jedem, nur nicht mit dem, mit dem er sich nach außen hin verbandelt zeigt. Das ist dann schon sehr einfallslos. Blondi, der schwarze Fußballstar, der Sässlen ins Pokalfinale schießt, geht natürlich den Weg aller Vermarktung gen Bayern München. Aber sein Gastspiel in Sässlen hinterlässt etwas, das man einen aufklärerischen Beitrag zum Multikulturellen, ein Tor in der Nachspielzeit (neun Monate) nennen könnte: einen Farbtupfer im Stadtbild. Ansehenswert ist das durchaus, wenn auch die künstlich-naive Machart die Produktion „Befreite Zone“ (heute im RBB und im ZDF) wie ein illegitimes Kind des Films „Die fabelhafte Welt der Amelie“ aussehen lässt.

„NeuFundLand“ (Regie: Georg Maas; am Montag im RBB und im ZDF) kann man Werkstattcharakter beim besten Willen nicht zubilligen. Robert, der Mechaniker aus dem Westen, kommt in den Osten mit einer Ladung von Münzfernrohren. Sehr subtile Symbolik. Er verliebt sich nun in eine Frau, die genauso aussieht wie seine eigene. Doch die starb vor Jahren. So was bringt Verwicklungen mit sich, die auch ohne Fernrohr so vorhersehbar sind, dass man ständig versucht ist, nach der Fernbedienung zu greifen.

Das filmische Ereignis der Reihe ist zweifellos „Hundsköpfe“ von Karsten Laske (am 29. 11. in RBB und ZDF). Ein gelungenes Experiment. Vier Männer, die einst gemeinsam bei den Grenztruppen der DDR gedient hatten, treffen sich bei einer Munitionsbergungsfirma wieder. Es ist genau der Ort, an dem ein Grenzsoldat, mit dem sie Dienst taten, zu Tode kam, als er in den Westen flüchten wollte. Sind sie schuldig? Wie viel Licht lässt sich überhaupt in so verschieden erinnertes Dunkel bringen? Ein erregendes Thema.

In allen drei Filmen dabei: Axel Prahl. Als Staubsaugervertreter mit fliegendem Fanshop („Befreite Zone“), als Rollstuhl fahrender West-Pralinenvertreter („NeuFundLand“) und als die Vergangenheit betäubender Trinker „Bussi“ („Hundsköpfe“). Prahls wechselnde Ost-West-Gesichter zeigen vor allem eins: ihn selbst.

„Befreite Zone“, Sonntag, RRB, 22 Uhr 30, ZDF, 23 Uhr 25

„NeuFundLand“, Montag, RBB, 22 Uhr 15, ZDF, 0 Uhr 10

„Outlaws“, 22. 11., RBB, 23 Uhr, ZDF, 0 Uhr 10

„Hundsköpfe“, 29.11., RBB, 23 Uhr, ZDF, 0 Uhr 10

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