Im Porträt : Ran an die Buletten

Bloß nicht abwarten: Eine Begegnung mit der Schauspielerin und Produzentin Katharina Wackernagel.

Katja Hübner
Auf Events gesetzt. Am Montag ist Katharina Wackernagel im ZDF-Film „Liebe deinen Feind“ zu sehen. Darin spielt sie Gesa, eine charakterstarke Frau, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen zwei Männern steht, einem Engländer und einem Deutschen. Foto: ZDF
Auf Events gesetzt. Am Montag ist Katharina Wackernagel im ZDF-Film „Liebe deinen Feind“ zu sehen. Darin spielt sie Gesa, eine...Foto: Stefan Erhard

Vor drei Jahren war Katharina Wackernagel zu Gast in der Talkshow „Dickes B“. Klaus Wowereit war auch eingeladen, es ging um die Stadt Berlin und darum, was an ihr so toll ist. Katharina Wackernagel saß in ihrem Sessel, rot geschminkte Lippen, und hörte aufmerksam zu. Als Berlins Regierender Bürgermeister an der Reihe war, sagte sie zu ihm: „Ich will jetzt mal die Gelegenheit nutzen und auf die Oderberger Straße hinweisen, in der ein Haufen Bäume gefällt werden soll. Können Sie nicht mal was dagegen unternehmen?“

Die Oderberger Straße liegt im Prenzlauer Berg und kreuzt die Kastanienallee, in der Katharina Wackernagel wohnt. Seit Montag laufen auch in ihrer Straße Bauarbeiten, Fahrbahnen sollen erneuert, Gehwege verengt, neue Parkplätze eingerichtet werden. Sie sitzt in einer der vielen Kneipen, die es dort gibt und in die sie oft geht, weil man hier rauchen und sich gut unterhalten kann, die Musik läuft leise im Hintergrund. Sie trägt eine schwarze Bluse, schwarze Hosen und rote Stiefel, sie trinkt Yogi-Tee. „Das, was mich mal in diese Gegend gelockt hat“, sagt sie, „war ja gerade, dass es nicht so Schickimicki ist. Jetzt soll es hier bald so aussehen wie auf dem Gendarmenmarkt.“ Nach der Sendung mit Klaus Wowereit damals war natürlich nichts passiert. Neulich aber hat sie erneut neben ihm gesessen, bei einer Modenschau. Sie hat ihn gleich wieder angesprochen. „Ran an die Buletten“, sagt sie, und es ist so etwas wie ihr Lebensmotto. Katharina Wackernagel wartet nicht, sie kämpft.

Gerade tourt sie durch Deutschland, um ihren neuen Film „Die letzte Lüge“ vorzustellen. Die Komödie erzählt von einem Paar, das sich etwas vorspielt, Affären hat und sich trotzdem noch liebt. Mit einem Bus zieht das ganze Team durch das Land wie eine große Familie. Katharina Wackernagel hat den Film mitproduziert, sie spielt die Hauptrolle, und ihr Bruder Jonas Grosch führte Regie. Während der Dreharbeiten hat sie für alle das Mittagessen zubereitet. Die Rezepte sind in dem Buch „Der richtige Dreh beim Kochen“ vereint. Für die „Quiche à la Katharina“ braucht man etwa eine halbe Stunde, eine Rolle Fertig-Blätterteig, Zucchini, Champignons, Ziegenfrischkäse und Sahne.

„Ich koche sehr gern“, erzählt sie, „ich habe schon früher meinem Vater über die Schulter geguckt, und meine Mutter war immer froh, wenn jemand anderes das übernommen hat.“ 1978 in Freiburg geboren, ist sie in einem großen Haushalt aufgewachsen. Zusammen mit zwei Vätern, zwei Brüdern und ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Wackernagel, die mit zwei Männern liiert war und ist. „Meine Eltern haben versucht, das Konzept der 68er zu leben, sich zu lösen von den klassischen Familienstrukturen.“ Ihr leiblicher Vater, Regisseur, war ständig unterwegs, ihr anderer „Vater“ war Lehrer und immer da. Noch heute, nach 32 Jahren, trifft sich die Familie oft am Wochenende im gemeinsamen Haus, im Sommer fahren sie alle zusammen für drei Wochen in den Urlaub. „Was ich von meinen Eltern mitbekommen habe, ist ein Lebenskonzept, das nicht auf dem Zwang beruht, jemanden verändern zu wollen“, sagt sie. „Dass jeder sein eigenes Leben mit seinen Freiheiten haben kann.“

Es klingt fast selbstverständlich, aber Katharina Wackernagel weiß, dass es nicht immer und für jeden so sein kann. Für sie haben sich Freiheiten mit dem Beruf ergeben. Schon als Kind stand sie auf der Theaterbühne, mit 17 spielte sie ihre erste große Rolle in „Tanja“, einer Vorabendserie über heranwachsende Jugendliche, erste Lieben, Beruf und Zoff mit den Eltern. Bereits damals, Ende der 90er Jahre, ist sie mit ihren dunklen Haaren, dunklen Augen und den hohen Wangenknochen aufgefallen. Ein völlig unhysterisches Mädchen, das lieber einsam auf dem Steg Bassgitarre spielte statt sich mit Nebenbuhlerinnen die Augen auszukratzen. „Ich kann gar kein Instrument spielen, aber so ist es ja häufig in unserem Beruf, dass wir so tun als ob.“ Man könnte es auch poetischer ausdrücken und sagen: Es ist das Wunder der Verwandlung von Wissen in Schein. In den letzten 15 Jahren, sagt Katharina Wackernagel, habe sie vor allem durch das Beobachten von Menschen hinzugelernt. Wie reagieren sie, wenn sie die Unwahrheit gesagt haben? Wie klingt echtes Lachen? Wie verhalten sie sich in extremen Situationen? Sie traut sich mittlerweile rätselhaftere Figuren zu als früher.

Katharina Wackernagel lacht viel, sie hat ein offenes, herzliches Gesicht. Die Maskenbildner am Set bezeichnen es auch als „zeitlos“. Sie passt gut in jede Epoche. Wenn sie sich bei Dreharbeiten zu historischen Filmen kostümiert im Spiegel anschaut, empfindet sie sich selbst als glaubwürdig. Ihr Spiel kommt ohne aufgesetzte Affekte und überstrapazierte Mimik aus. Immer wieder wurde sie in großen Mehrteilern besetzt: „Die Luftbrücke“, „Das Wunder von Lengede“.

In „Contergan“ spielte sie die Mutter eines von Tabletten geschädigten Kindes, eine Rolle, die ihr 2008 den Bayerischen Filmpreis einbrachte.

Die Figur der Vera Wegener, die erst ihr Schicksal begreifen und dann damit umgehen muss, baute sie auf wie eine Oper. Sie wirkte am Anfang gefasst und sicher in all dem Horror um sie herum, bis sie auf einmal während der Verhandlung den Schleier ihrer Fassade herunterreißt und zusammenbricht, in einem Moment, in dem es keiner mehr erwartet hätte. In dieser Rolle, so schien es, gab es keinen Unterschied mehr zwischen Schein und Wirklichkeit.

„Ungerechtigkeit kann mich richtig wütend machen“, sagt Katharina Wackernagel und zieht forsch an ihrer Zigarette. Sie meint damit auch ihren Job, in dem vieles mit zweierlei Maß gemessen wird, auf der einen Seite ein lockeres Miteinander, auf der anderen klare Hierarchien. Sie erzählt von ihren Erfahrungen bei Produktionen, in denen die Schwächsten die härtesten Aufgaben machen müssen. Wenn sie erlebt, dass ein Praktikant für Garderobe nach 16 Stunden Arbeit noch das Wohnmobil durch die Stadt fahren soll, geht sie sich sofort beschweren. Sie sagt: „Für mich gehört das zum Job als Schauspieler dazu, dass man sich einen Überblick darüber verschafft, wie mit einem Team um einen herum umgegangen wird.“

Am Montag ist Katharina Wackernagel in dem ZDF-Film „Liebe deinen Feind“ zu sehen. Darin spielt sie Gesa, eine charakterstarke Frau, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen zwei Männern steht, einem Engländer und einem Deutschen. Es ist eine Art Porträtfilm, der für viele Schicksale aus dieser Zeit spricht. „Mich hat an der Figur ihr Zwiespalt interessiert“, sagt sie. „Greift man zu, was das Leben einem bietet, oder hält man einfach alles aus?“ Dass der Film wieder in der Vergangenheit spielt, hat sie nicht gestört. „Schauspielerei ist mein Ein und Alles, es ist mir total egal, ob ich eine große Rolle oder eine kleine Rolle spiele, ob in einem großen Film oder in einem Low-Budget-Experiment.“

Katharina Wackernagel möchte ihren Beruf nie für etwas anderes aufgeben. Wenn sie im Kino oder im Theater im Publikum sitzt, juckt es sie immer, weil sie das, was sie sieht, eigentlich selber spielen will. In Büchern sucht sie für sich die passenden Rollen aus. Sie sagt, dass sie auch in ihrer Freizeit am liebsten nur spielen würde, sie würde sogar zu den Leuten in die Wohnzimmer gehen. Man stellt sich vor, wie sie die Kastanienallee entlangläuft, an Wohnungstüren klingelt und fragt: „Welche Figur hätten sie denn gern?“

„Liebe deinen Feind“,

Montag, ZDF, 20 Uhr 15

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