Im RADIO : Abenteuer auf Staatskosten

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Foto: rbb/NDR/Fritz Meffert

Vor 25 Jahren explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl. Die lange geplanten Gedenksendungen des Radios haben nun durch die tragischen Ereignisse in Japan eine düstere Aktualität bekommen. Olga Kapustinas Feature „Bittersüße Kindheit“ erzählt von den Kindern Weißrusslands. Tausende weißrussische Dörfer und Städte sind 1986 verstrahlt worden, nur wenige wurden dauerhaft evakuiert, in den anderen leben weiterhin Menschen, die weiterhin Nachwuchs haben. Die Autorin hat nun mit Kindern gesprochen, die im Schatten Tschernobyls groß geworden sind. Einerseits hatte das gewichtige Vorteile: kostenloses Schulessen, Pakete aus dem Westen oder auch Sommerferien bei ausländischen Gastfamilien. Andererseits ist da der Druck einer unsichtbaren Gefahr und die rapide Zunahme chronischer Erkrankungen (SWR 2, 13. April, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat auch Dramen geschrieben, die im Nachkriegseuropa viel gespielt wurden. „Geschlossene Gesellschaft" war so ein Dauerbrenner in den bürgerlichen Stadttheatern, wo man um die geistige Bewältigung der historischen Katastrophe rang. Im Jahr 1949 wurde das Drama dann beim Nordwestdeutschen Rundfunk als Hörspiel produziert, Sartres Vision einer zeitgenössischen Hölle. Drei Personen sind in einem gut möblierten Salon eingesperrt. Ein Feigling, eine Lügnerin, eine Person mit unsicherer sexueller Identität. Kein Jenseitspanorama, bloß eine abgeschlossene soziale Situation. Mühelos macht man sich gegenseitig das Leben zur Hölle (Deutschlandfunk, 16. April, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Seit ein paar Jahren schickt das deutsche Entwicklungsministerium junge Freiwillige in die ärmsten Regionen der Welt. Gymnasiasten aus gutbürgerlichen Familien betreuen afrikanische Waisenkinder oder helfen auch in Behindertenheimen. „Weltwärts“ heißt dieses Programm, mit dessen Hilfe bisher schon mehr als 6000 Freiwillige ins Ausland entsandt wurden. Anja Kretschmers Feature „Abenteuer Entwicklungshilfe“ erzählt von Mutproben und Wagnissen, die junge Deutsche auf sich nehmen. Allerdings gibt es auch die Kritiker, die das alles nur für Abenteuerurlaub auf Staatskosten halten (Kulturradio vom RBB, 17. April, 9 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

In seinem Hörspiel „Nacht“ erzählt der polnische Autor Andrzej Stasiuk von Landsleuten, die in Deutschland Gold und Diamanten rauben. Bis eines Tages ein deutscher Juwelier zur Pistole greift. Der polnische Dieb kehrt als Leiche heim, doch zuvor hat man ihm sein Herz zwecks Organspende entnommen. Das ist eine dieser typischen Missgeschicke, wie sie an der Bruchlinie zwischen jungem und altem Kapitalismus entstehen. „Der Osten braucht Sachen, der Westen braucht Blut“, heißt es im Text. Stasiuk beleuchtet das moderne Europa in einer grellen Tragikomödie (Deutschlandradio Kultur, 17. April, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

In einem Büro der Lübecker Firma ARTRANS wird ein Toter gefunden. Ein Mann, der drogensüchtig war und trotzdem einen überaus exklusiven Maßanzug getragen hat. Auch dieser Anzug ist nun durch einen Herzdurchschuss komplett ruiniert. In Matthias Wittekindts Hamburger Radio-Tatort „Totalverlust“, unter anderem mit der Sprecherin Sandra Borgmann, entdecken die Ermittler bald, dass ARTRANS ein krimineller Verein ist und der Tote als Strohmann gedient hat. Die Mordwaffe stammt aus Russland, auch alle weiteren Spuren führen Richtung Osten. Ein Verdächtiger kommt ins Spiel, der sein Geld als Talentscout in der Musikbranche verdient. Gut, dass die Hamburger Kripo einen begabten Musiker als V-Mann in ihren Reihen hat (Kulturradio vom RBB, 18. April, 22 Uhr 04).

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