Im RADIO : Aber die Seele heilt schwer

Ein Feature über "Goebbels' Swing Band", Laufen als Therapie und Geheimnisse von Karl May: Was Sie im Radio nicht verpassen sollten.

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Bei den Nazis war der Swing verboten. Aber es gab eine Ausnahme, wie Autorin Mechthild Müser in Musikarchiven entdeckt hat. Müsers Feature „Goebbels’ Swing Band“ erzählt von einer Handvoll exzellenter deutscher Jazzmusiker, die vom Propagandaminister persönlich die Lizenz zum Swingen bekamen. Dafür allerdings wurden die Originaltexte der amerikanischen Hits so umgeschrieben, dass sie auf sublime Weise Nazi-Propaganda transportierten. Die Musik von „Charlie and his Orchestra“ wurde ins Feindesland ausgestrahlt, um dort die Bevölkerung für deutsche Ideen zu gewinnen. Ein musikalisches Schurkenstück der besonderen Art (Kulturradio vom RBB, 21. März, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Eine Frau läuft. Sie meint es bitterernst damit. Jeden Tag läuft sie ein bisschen weiter und schneller. Sogar einen Lauftrainer hat sie engagiert. Das Laufen ist ihr Versuch, die eigene Seele zu retten. Sie läuft um ihr Leben. Das Hörspiel „Die Läuferin“ von Marianne Zückler erzählt, wie es dazu gekommen ist. Am Grab des Vaters sind Erinnerungen an die seelischen und körperlichen Verletzungen der Kindheit wieder aufgebrochen. Das Verdrängte ist der Frau in die Beine gefahren. Nun muss sie laufen, bis sie wieder mit sich im Reinen ist. Oder eben auf halber Strecke zusammenbricht, eine andere Alternative gibt es für sie nicht (SWR 2, 22. März, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

An einem harmlosen Abend, mitten in der Großstadt, wird ein friedlicher Mann zum Opfer eines Verbrechens. Wie ein Fallbeil saust die Gewalt in sein Leben, spaltet es in ein Vorher und ein Nachher. Autor Martin Duffy erzählt im Feature „Nach dem Überfall“ eine autobiografische Geschichte. Vor einigen Jahren ist er abends auf einer Berliner Straße von maskierten Teenagern überfallen und mit einem Messer schwer verletzt worden. Die lebensbedrohliche Wunde ist vernarbt, aber die Seele heilt schwerer. Der Autor berichtet von mühevollen Versuchen, die Gewalterfahrung in sein Leben zu integrieren und sich von Wut und Angst nicht auffressen zu lassen (Deutschlandradio Kultur, 24. März, 18 Uhr 05).

Im April 1899 erreicht Karl May auf einem deutschen Dampfer den Hafen von Port Said. Dass er in diesem Moment zum ersten Mal den Orient sieht, weiß nur er allein. Seiner Leserschaft hat er sich stets als welterfahrener Mann präsentiert. Die Lange Radionacht „Das Geheimnis des Doktor Ben Nemsi“ von Rüdiger Heimlich berichtet von Mays zehnmonatiger Reise durch Ägypten und das Heilige Land. Eine bizarre Flucht, ein psychedelischer Trip, eine Reise zu sich selbst. Am Ende kehrt der sächsische Geschichtenerzähler mit neuer Tatkraft in die Heimat zurück. Um den drohenden Kulturkampf zwischen Orient und Okzident abzuwenden, will er eine synkretistische Weltreligion stiften (Deutschlandradio Kultur, 24. März, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Dass die Ehe mit ihren Absolutheits- und Ewigkeitsansprüchen ein hochriskantes Unternehmen ist, wissen alle Ehedramen. Martin Walser, der in diesen Tagen 85 Jahre alt wird, hat dem Genre ein Glanzstück beigefügt. Über Walsers Bühnenwerk „Zimmerschlacht“ schrieb ein Kritiker, es gehe weder um Moral noch um Reformvorschläge, sondern um die schneidend nüchterne Analyse eines Naturzustandes. Vor fast 50 Jahren hat Regisseur Fritz Kortner die Geschichte eines ehemüden Erdkundelehrers und seiner traurigen Gattin fürs Radio inszeniert (Deutschlandfunk, 24. März, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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