Im RADIO : Alte Wölfe im frischen Schafspelz

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Zehn sehr alte Männer und Frauen treffen sich in einem Café zum Speed Dating. Die Spielregeln sind wie bei den Jungen, man sitzt sich zu zweit ein paar Minuten lang gegenüber und macht sich bekannt, dann wechseln die Partner. Jan Georg Schüttes preisgekröntes Hörspiel „Altersglühen“ inszeniert ein tragikomisches Spiel paarungswilliger Stimmen. Noch immer wird geprahlt und gelogen, noch immer spürt man die Angst vor Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe (Deutschlandfunk, 10. März, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Seit über 20 Jahren lebt der deutsche Autor Malte Jaspersen in Japan. Gemeinsam mit seiner Familie hat er im letzten März die Natur- und Technikkatastrophe aus nächster Nähe erlebt. Auch er hat wie betäubt die offiziellen Nachrichten gehört, hat über eine Flucht nachgedacht und sich später doch nur einen häuslichen Geigerzähler angeschafft. Ein Jahr danach ist Jaspersen auf Reportagereise durch das tief erschütterte Land gegangen. Sein Feature „Souteigai – Jenseits der Vorstellung“ sammelt Erfahrungsberichte von Überlebenden, Nothelfern der ersten Stunde und Wiederaufbauspezialisten (Kulturradio vom RBB, 11. März, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Auch Atomkraftwerke müssen regelmäßig gereinigt werden. Sogar in der innersten Todeszone, dem sogenannten Primärkreislauf. Leiharbeiter werden ins Werk geholt, die Wasserbecken schrubben und Leitungen abklopfen. Genau so lange, bis jeder Arbeiter die gesetzlich erlaubte Jahresdosis an Strahlung abbekommen hat. Für ihr Hörspiel „Der Reaktor“ hat die französische Autorin Elisabeth Filhol im Milieu jener Leiharbeiter recherchiert. Sie erzählt von Menschen, die trotz Schutzanzug ihre Haut nackt zu Markte tragen. Und von einer gewinnträchtigen Technologie, die pausenlos nach Menschenopfern giert (SWR 2, 11. März, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

Ein lange erfolgreicher Schauspieler fühlt sich alt und verbraucht. Er spürt die tödliche Krankheit schon in seinen Adern. Da erreicht ihn das Angebot, die Hauptrolle in Molières Drama „Der eingebildete Kranke“ zu übernehmen. Der Schauspieler weiß sofort, dass man ihn nur besetzen will, weil er sterbenskrank ist. In Tankred Dorsts Hörspiel „Ich soll den eingebildet Kranken spielen“ verstrickt sich der Schauspieler nun in ein Lebensdrama von Molièreschen Ausmaßen. Misstrauisch ringt er mit einer Welt voller Feinde, zu denen bald auch die Gattin, die Kinder und sogar der Dichter Molière gehören (Deutschlandradio Kultur, 11. März, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Ein Mann möchte mit seiner Bank nüchtern über Altersvorsorge reden. Er möchte Sicherheiten, aber die Bank bietet ihm Rausch und Traum. Reden wir nicht über Geld, heißt es, sondern über unser gemeinsames Lebensglück. David Lindemanns Hörspiel „Getränk Hoffnung“ ist eine böse Farce über die neuesten Tricks im Bankgewerbe. Die Finanzkrise hat viel Vertrauen gekostet, das Publikum weiß nun, was es von seinen Anlageberatern zu erwarten hat. Neues Vertrauen muss also her, der Ehrgeiz der Banker ist grenzenlos, ihre Erfindungskraft nicht minder. Ein Lehrstück über alte Wölfe, die sich einen frischen Schafspelz überstreifen (Deutschlandradio Kultur, 12. März, 0 Uhr 05).

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