Medien : Im Radio: Apocalypse now

In seinem "Lesebuch für Städtebewohner" hat Brecht so etwas wie ein Lyrik der Globalisierung erprobt. Coole Verse in freien, schmiegsamen Rhythmen, die das Ende aller humanistischen Sentimentalität verkünden. Die Welt, schreibt der Dichter, ist nicht für den Menschen da. Die wuchernden Metropolen fragen nicht nach dem Willen des Individuums. Für die großen Organisationen ist das Glück des Privatmanns keine wahrnehmbare Größe.

Mit seiner in den zwanziger Jahren entstandenen "lyrischen Versuchsanordnung" wollte Brecht dem Taifun namens kapitalistische Moderne ins Auge sehen. Ein paar unsterbliche Aphorismen sind ihm dabei gelungen. Etwa über jene städtischen Passanten, die ihren Kopf noch immer stolz und aufrecht durch die Straßen tragen. Aber nur, orakelt Brecht mit grimmiger Ironie, weil sie die Kunde von ihrem Unglück bisher nicht erreicht hat. Klaus Buhlert hat Brechts "Lesebuch" im Radio inszeniert, für die musikalischen Passagen ist Nostalgiebarde Max Raabe zuständig. Wie hört sich der Sound einer apokalyptischen Sachlichkeit heute an? Natürlich recht aktuell. Manchmal hinreißend komisch. Und immer noch wie große Dichtung (Deutschlandfunk, am 14. August um20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Vielleicht ging es auch um die Apokalypse, als sich Paul Celan und Martin Heidegger nach dem Krieg in Todtnauberg begegnet sind. Der jüdische Dichter und der deutsche Meisterdenker, der eine Zeit lang die Rolle des philosophischen Obernazis gespielt hatte. "Mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort", heißt das Feature von Stephan Krass, das dem Treffen der beiden Sprachmächtigen gewidmet ist. Für Celan, den Überlebenden des Holocaust, hatte sich die Apokalypse bereits ereignet. Heidegger spähte in den Untiefen des technischen Zeitalters noch immer nach ihren Vorzeichen. So blieb das "kommende Wort" Heideggers zu seinen historischen Sünden eine unerfüllbare Hoffnung (SWR 2, 15. August, 21 Uhr, UKW Kabel 107,85 MHz).

In den populären Dramaturgien dagegen wird die Apokalypse niemals stattfinden. Nur die alltägliche Krise zählt für die Seifenopern des Radios. Diese Seifenopern hat es früher tatsächlich gegeben, und zwar im Osten wie im Westen Deutschlands. "Pension Spreewitz" hieß der Spaß beim RIAS, "Neumann zweimal klingeln" sein Pendant bei Radio DDR. Die Autorin Clarisse Cossais stellt stellt je eine Folge der Familienserien vor und meditiert über Gemeinsamkeiten beim einstigen Radio-Entertainment (Deutschlandradio, 17. August, 19 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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