Medien : Im Radio: Beat-Nostalgie

Wer bisher glaubte, dass die Welt erst 1968 angefangen hat, wird nun vom Deutschlandfunk eines Besseren belehrt. In den kommenden Wochen widmen sich die Hörspielredakteure des Senders einem einzigen Thema: der Epoche des Beat. Der Beat - das waren die amerikanischen Jahre zwischen Hiroshima und Vietnam, die Fünfziger und frühen Sechziger, die über Deutschland angeblich wie Blei hingen, aber in den USA eine spektakulär großartige Kunst hervorbrachten, aus deren Formenarsenal sich die späteren Helden des Pop allesamt bedient haben. In Hörspielen und Features, in Collagen und Lesungen geht es um die Kunst und die Literatur des Beat, um Musik und Lebensgefühl, um die Rebellion der Beatniks, jener Generation, die in den Handbüchern der kulturellen Mythologie später als die verlorene bezeichnet wird. Es geht natürlich um Jack Kerouacs Buch "On the Road", diese Bibel für reisende Aussteiger, um James Deans symbolischen Hochgeschwindigkeitstod, um die provozierende Poesie der Herren Bukowkski, Burroughs, Ginsberg. Mehrere Hörspiele sind Andy Warhol gewidmet, einem der wohl begabtesten Schüler des Beat, der dessen anarchistische Tendenz später zu schillernden Gesellschaftskomödien umformte und damit den Stil kommender Jahrzehnte prägte. Auch die deutsche Ikone des Beat, Rolf Dieter Brinkmann, wird mit einem seiner kunstvoll-radikalen Hassmonologe vertreten sein.

Zum Auftakt der Reihe aber outet sich die große Radiostimme Christian Brückner, Jahrgang 1943, als Zeitgenosse des Beat: "My Generation" nennt er seine Collage aus Texten der Beat-Poeten. Brückners charismatische Stimme und cooler Jazz im Hintergrund fügen sich zu einem Panoramabild der amerikanischen Zivilisation jener Jahre, die die Hochzeit des Beat waren. Verklemmt und kriegslüstern, von unerschöpflichen Dimensionen und manchmal auch von beeindruckender Großzügigkeit. Dieses Nachkriegs-Amerika ist ja die große Hassliebe der Beat-Poeten, die Quelle ihrer Inspirationen und ihrer Schrecken, die nährende Mutter und der strafende Vater gleichermaßen.

Der Beat dämonisiert die bürgerliche Normalität als Hölle der Gewalt und des ästhetischen Versagens. Er provoziert mit sexueller Gier und mit einem offenen Lobpreisen der Drogen. Im wühlenden Rhythmus seiner Sprechgesänge verrät sich allerdings auch die Sehnsucht nach einem ganz anderen, einem irgendwie besseren, weil freieren Leben. Christian Brückners großes Solo erinnert an eine Epoche, in der das Träumen noch geholfen hat (Deutschlandfunk, 9. Januar, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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