Im RADIO : Cervantes, Goethe und Flaubert

Tom Peuckert verrät, was man im Radio in den nächsten Tagen nicht verpassen sollte.

Der Chirurg Christoph Broelsch war Chefarzt einer Klinik in Essen. Er galt als der größte Experte für Lebertransplantationen in Deutschland. Irgendwann wurde bekannt, dass Broelsch seine Talente meistbietend feilbot. Nicht für privaten Nutzen, sondern zum Wohl der Forschung und der Institution, der er vorstand. Wer vom Meister persönlich operiert werden wollte, musste zuvor eine größere Spende an seine Klinik überweisen. Broelsch wurde angeklagt wegen Bestechlichkeit und zu drei Jahren Haft verurteilt. Das Feature „Der Fall des Chirurgen Broelsch“ von Martina Keller erzählt vom Prozess und seinen Hintergründen. Ein Lehrstück aus dem Innenleben des Medizinbetriebs (SWR 2, 22. Dezember, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Kenner wissen, dass die Hauptfigur in Miguel de Cervantes’ Roman „Don Quijote von der Mancha“ ein passionierter Leser ist. Dieser Don Quijote hat so viele Ritterromane verschlungen, dass er sich nun von niemandem mehr in seine Fantasien hineinreden lässt. Für die Hörspieladaption des Romans hat Regisseur Klaus Buhlert die Monologe des großen Egoshooters durch ein fortwährendes Zwiegespräch zwischen dem Ritter und seinem Knappen Sancho ersetzt. Räsonierend, parlierend und diskutierend schlagen sich hier zwei leibhafte Kontrapunkte durch eine Welt voll seltsamer Abenteuer (Deutschlandfunk, 24. Dezember, 14 Uhr 05; Fortsetzung am 25. Dezember, 14 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Zu seiner Zeit soll er die Jugend in bedenkliche Aufregung versetzt haben. Sogar echte Selbstmorde habe er inspiriert, obwohl seine Existenz doch nur einer Fantasie entsprang. Gemeint ist natürlich Goethes empfindsamer Jüngling Werther, der nun in einer dreiteiligen Hörspieladaption ins Radio kommt. Noch einmal die explosive Mischung aus ästhetischem Unbehagen am bürgerlichen Lebensgang und einer todtraurigen, weil unmöglichen Liebe. Bearbeiter Manfred Hess hat Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ in einprägsame Szenen gesetzt (Kulturradio vom RBB, 25. Dezember, 14 Uhr 05, Fortsetzung am 26. Dezember und 1. Januar, jeweils 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Im satirischen Roman „Bouvard und Pécuchet“ von Gustave Flaubert leben die beiden Titelhelden streng nach den Regeln der bürgerlichen Vernunft. Aufgeklärtsein als Hobby und Obsession: Bouvard und Pécuchet studieren Gartenbau, Astronomie, Philosophie und etliche andere Wissenschaften, um ihre private Existenz zur Vollendung zu bringen. Sie experimentieren mit bürgerlichen Lebenskonzepten wie Liebe, Ehe, Familie. Doch die gelehrten Dilettanten scheitern auf allen Gebieten, weil das Leben widerspenstiger ist als seine Beschreibung in der Literatur. Ideenkomik, so hat Flaubert seine künstlerische Ambition benannt. Die Hauptrollen der schönen Hörspielfassung des Romans spielen Ulrich Wildgruber und Hermann Lause (Deutschlandradio Kultur, 25. Dezember, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Noch immer hat die Nacht seltsame Gewalt über die Seelen der Zeitgenossen. Ihre Energie ist nicht auszulöschen durch die künstliche Erhellung der Städte, die eisernen Rhythmen der Arbeitswelt, die TV-Vollversorgung. Die Nacht weckt Sehnsüchte nach Kreativität und Grenzüberschreitung. In seinem Feature „Während du schliefst“ sinniert Burkhard Reinartz über die Nachtseite der Welt. Ein Bericht über Nachtaktivisten aller Art. Jene, die aus freien Stücken wach sind, und professionelle Wachbleiber, wie etwa Polizisten, deren Arbeit uns gerade im Dunklen so wertvoll wird (Deutschlandfunk, 26. Dezember, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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