Im RADIO : Das Erdöl, Ärzte und die Malocher

Tom Peuckert

Wie werden die Menschen in hundert Jahren über unsere Gegenwart denken? Schauen die Bewohner komfortabler Hightech-Paradiese auf eine Epoche unnützer Sorgen zurück? Oder ist in hundert Jahren niemand mehr da, der zurückschauen könnte? Das Feature „Erdöl“ von Jens Jarisch und Dörte Fiedler setzt auf die düstere Hypothese. Im Jahr 2108 erinnern sich ein paar Überlebende an das, was sie das Zeitalter des Erdöls nennen. Es begann um 1880 mit den ersten Ölfunden in Amerika. Millionen Jahre hatte der dämonische Naturstoff in der Erde geschlummert, nun beflügelt er das Treiben der Menschen auf nie gekannte Weise. Bis schließlich der immer zügellosere Gebrauch in die große Katastrophe mündet. Atemberaubend spannend erzählt das Feature die Geschichte des Erdöls als ein böses Märchen (Kulturradio vom RBB, 26. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Auch in der guten alten DDR gab es eine Menge Verbrecher. Allerdings durfte im Land nicht groß darüber geredet werden, weil Kriminalität dem Sozialismus wesensfremd war. Keine besonders günstigen Arbeitsbedingungen für Krimiautoren. Wie man sich trotzdem aus der Affäre zog, kann nun anhand eines Krimis aus dem Jahr 1979 nachgehört werden. Hans Siebe, einer der erfolgreichsten Krimiautoren des Landes, erzählt in „Santa Clara vor Arkona“ von einer Leiche am Ostseestrand. Die Spur führt zu einem dubiosen Antiquitätengeschäft und alsbald in die Niederungen krimineller Geldgier, die auch im Sozialismus nicht aussterben wollte (Deutschlandfunk, 29. November, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Wer heute zum Arzt geht, steckt noch immer voll großer Hoffnungen. Der Kranke glaubt, er werde im Sprechzimmer nicht nur auf eine Koryphäe der Heilkunst treffen, sondern auch auf einen selbstlosen Menschen. Woher dieser Glaube kommt, versuchen Christian Floto und Martin Winkelheide in ihrer Langen Radionacht über Ethos und Kunst der Ärzte herauszufinden. Unter dem Titel „Hippokrates“ geht es um die Geschichte und Gegenwart der Medizin. Um große Dinge wie moralische Verantwortung und einen Alltag im Spannungsfeld zwischen Individualität und Bürokratie, Erkenntnisfortschritt und Ökonomie. Medizinische Experten aller Disziplinen diskutieren (Deutschlandfunk, 29. November, 23 Uhr 05).

Bekanntlich wurde am 14. Juli 1789 in Paris die Bastille gestürmt. Der Adel sah sich mit Ereignissen konfrontiert, die er nicht mal in seinen Alpträumen vorausgeahnt hatte. „Der grüne Kakadu“ heißt eine Groteske von Arthur Schnitzler, die aus dem Zwiespalt zwischen historischen Ereignissen und dem Vorstellungsvermögen der Betroffenen seine Wirkung bezieht. Im Sommer 1789 gilt es unter Pariser Adligen als très chic, eine Kellerkneipe namens „Grüner Kakadu“ zu besuchen. Der Kneipenwirt lässt dort von Schauspielern ein gruseliges Verbrechermilieu vortäuschen. Als eines Tages aufständischer Pöbel in den Keller dringt, glaubt das Publikum an eine besonders lebensechte Darstellung (Kulturradio vom RBB, 30. November, 14 Uhr 04).

Als wir noch in einer Industriegesellschaft lebten, war der Arbeiter in aller Munde. Die SPD nannte sich „Arbeiterpartei“, der Begriff „Malocher“ hatte einen gewissen Glanz. Heute leben wir in einer Dienstleistungsgesesellschaft und um den Arbeiter ist es still geworden. Winfried Roths Feature „Auf dem Weg zur Randgruppe?“ erkundet die Situation derer, die noch immer ihre körperlichen Kräfte und manuellen Geschicklichkeiten zu Markte tragen. Wie sehen klassische Industriearbeiter die eigene Berufsexistenz, welche Zukunftserwartungen haben sie? Wird nur noch Arbeiter, wer nicht anders kann? (Deutschlandradio Kultur, 1. Dezember, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben