Im RADIO : Der Ekel, unsere Nachbarn

Der Österreicher und die Piefkes - was Sie diese Woche im Hörfunk nicht verpassen sollten.

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Deutsche und Österreicher haben ein kompliziertes Verhältnis. Der Österreicher schaut verächtlich auf den groben Piefke, der rächt sich durch notorisches Nichternstnehmen des benachbarten Kleinstaatbewohners. Was an diesen Geschichten ist augenzwinkernd fortgesponnenes Klischee, was ernst gemeint? Günter Kaindlstorfers Feature „Zwanz’g z’quetschte Zwutschkerlzwetschken“ lässt Leute zu Wort kommen, die es wissen müssen. Berufliche Grenzgänger, die beide Seiten der Medaille kennen und sich im Alltag mit Vorurteilen auseinanderzusetzen haben. Darunter der deutsche Direktor des Wiener Burgtheaters, ein erfolgreicher österreichischer Kabarettist und andere Intellektuelle mit Auslandserfahrung, die ihren Herzen richtig Luft machen (Kulturradio vom RBB, 26. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Ein Mann in Deutschland erhält per E-Mail ein geschäftliches Angebot aus Afrika. Sechs Millionen Dollar Prämie, wenn er für kurze Zeit ein fremdes Vermögen auf seinem Bankkonto parkt. Zunächst weiß der Mann, dass er betrogen werden soll. Aber er hört eben auch, dass es um das Geld einer jungen Witwe aus Nigeria geht. In David Zane Mairowitz‘ amüsantem Hörspiel „Im Krokodilsumpf“ erleben wir, wie ein Hamburger Kleinunternehmer dem Lockruf der Wildnis erliegt. Der Traum von einer üppigen afrikanischen Schönheit, der ihm in surrealen Telefonaten vorgegaukelt wird, zehrt seine europäischen Verstandeskräfte komplett auf. Es scheint, als habe er nur darauf gewartet, seine solide deutsche Haut abzustreifen, um für immer im afrikanischen Krokodilsumpf zu verschwinden (Kulturradio vom RBB, 28. Oktober, 22 Uhr 04).

In Lou Brouwers Feature „Nicht von hier“ erzählen Ausländer über ihre Erfahrungen mit den Deutschen. Wie sehen wir aus, in den Augen der Fremden? Gibt es immer noch deutsche Primär- und Sekundärtugenden, die Fremde beeindrucken, aber auch erschrecken können? Die Berichterstatter sind Kollegen, Nachbarn, Freunde, Ehepartner der Deutschen, aber sie sind fremd genug, um unsere großen und kleine Skurrilitäten genau wahrzunehmen. Aus der Fülle von Beobachtungen ergibt sich allmählich ein differenziertes und durchaus überraschendes Porträt (Deutschlandradio Kultur, 29. Oktober, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Jedes Jahr um Allerseelen wird in Mexiko der Tod gefeiert. Die heilige Frau Tod, dargestellt durch ein prächtig geschmücktes Skelett. Ihr zu Ehren wird getrommelt und getanzt, man verspeist Schädel aus Zucker und legt Speisen auf den Hausaltar, an denen sich Verstorbene laben können. Iris Disses Hörspiel „O heiliger Tod, Santissima Muerte“ führt eine deutsche Ärztin mitten in dieses schaurig-fröhliche Treiben. Daheim denkt ihre sehr alte Mutter an Selbstmord, was der Frau unvorstellbar und unerlaubt scheint. In Mexiko erlebt sie, wie der Tod bejubelt wird. Hat die heilige Frau Tod auch für sie eine tröstliche Botschaft? (Kulturradio vom RBB, 30. Oktober, 14 Uhr 04)

Wenn im Dschungelcamp Kakerlaken verspeist werden, stöhnt die ganze Fernsehnation. Sie schließt einen Moment lang schreckhaft die Augen, um dann noch genauer hinzusehen, wenn das Eklige geschieht. Ulla Gosmanns Feature „Nichts ist ekelhaft, außer dem Ekel selber“ untersucht die kulturellen Hintergründe dieser Angstlust. Unser Ekel verweist auf jeweils gültige Tabus, er hat seine Moden und seine Widersprüche, die Ekelschranken sind in ständiger Bewegung. Warum sind auf Theaterbühnen so oft menschliche Exkremente zu sehen? Wieso ist Ekelfleisch ein Dauerbrenner in den Medien? Und was erzählt der Genuss von Kakerlaken eigentlich über die Geschichte unserer Zivilisation? (Deutschlandfunk, 30. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz)

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