Medien : Im Radio: Der Tanz ums Glück

Deutschlandradio[UKW],am 22. Oktober um 0 Uhr 05[UKW]

Vera entdeckt erste Krampfadern an ihren Beinen. Nora hat nur noch ein Ziel im Leben: immer magerer zu werden. Pit weiß seit langem, dass er das Zeug zu einem Star hat, aber keiner glaubt es ihm. Jetzt werden sie alle 30 Jahre alt. Danach ist keiner mehr wirklich jung. "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot", heißt der sarkastische Zeitgeistroman von Sibylle Berg. Die Regisseurin Beate Andres hat daraus eine pointierte Hörspielcollage gemacht. Ein furioses Rededrama, sehr musikalisch, sehr komisch. Ein artistischer Tanz um jenes Paradox, das wir Glück nennen. Die üblichen Verdächtigen, die üblichen Symptome.

Bergs Figuren sind zeitgenössische Mitläufer des Mainstreams. Büroangestellte, Auftragskünstler, Handlanger im Medienbetrieb. Mitteleuropäer mit kleinem Leben und großer, wirrer Sehnsucht. Hart stoßen in ihren Hirnen altkluge Reflexionen und irrationale Gier aufeinander. Immer hat man zu wenig vom Leben gehabt, immer ist das Glück knapp an einem vorbeigegangen. Zu wenig Karriere, zu wenig Liebe, zu wenig guter Sex. Man reist quer durch die Welt, aber stößt in fremden Hotelzimmern doch nur mit sich selbst zusammen. Es wird kopuliert, was das Zeug hält, aber auch das ist im Kino viel schöner. Es gibt kein Erlebnis mehr, das nicht sofort unter einen Generalverdacht gerät: Man könnte alles noch viel besser haben.

Dabei ist es doch nur das erfundene Glück der Werbung, der Trug der Televisionen, die Sibylle Bergs Figuren quälen. Den Schmerz der Geschichte, das kollektive Unglück, haben sie nie kennengelernt. Seid froh, möchte man naseweis rufen. Aber so einfach ist es ja nicht mit dem Glück. Das Glück ist ein Bewusstseinszustand, eine Art Ruhe im Kopf. Man kann es nicht herbeidenken, nicht erkämpfen. Und kaufen sowieso nicht. Immer haben die Menschen das Glück gesucht. Nie zuvor wurden sie dabei so sehr durch hochglanzpolierte Verheißungen bedrängt. Niemals musste das ganze Glück im Diesseits gefunden werden. Sibylle Bergs Texte kann man als eine Art psychische Bilanz der Säkularisierung aller Glücksversprechen lesen. Was passiert, wenn die jenseitigen Paradiese außer Kurs geraten und alles Glück im Hier und Jetzt stattfinden muss.

Am Ende werfen Bergs Figuren ihr Leben fort. Oder besser: Es wird ihnen von der Autorin mit böser Lust weggenommen. Sie zerschellen auf der Autobahn, skalpieren sich beim Liebesspiel, gießen Benzin über ihre Körper. Aber der wirre Singsang, den sie zuvor von sich geben, ist unbedingt hörenswert.

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