Im RADIO : Die Ohnmacht der Männer

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

In diesen Tagen reist die deutsche Kunstkritik zur Documenta nach Kassel, nachdem sie bereits die Biennale in Venedig und die Messe Art Basel besucht hat. Die zeitgenössische Bildende Kunst ist enigmatisch, unübersichtlich, komplex. Der Kunstkritiker will trotzdem ihr Zuchtmeister sein. Er kategorisiert, erklärt und bewertet. In seinem Feature „Kunst und Kritik“ interessiert sich Burkhard Müller- Ullrich für diesen sonderbaren Berufsstand. Was ist der gemeine Kunstkritiker eigentlich für ein Mensch? Müller-Ullrich hat mehrere Exemplare der Spezies aus Nahdistanz beobachtet. Mit einem satirischen Wohlwollen, das tiefere Einblicke nicht ausschließt (Kulturradio, 20. Juni, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

 

Während Feministinnen noch den geringen Prozentsatz an Führungsfrauen kritisieren, machen Männerforscher schon ganz andere Rechnungen auf. Bildungsversager sind heute überwiegend männlich, Männer bringen sich viermal häufiger um als Frauen, auch sterben sie im Durchschnitt sechs Jahre früher. Eine Situation, die politische Konsequenzen nach sich ziehen sollte, meint der Männerforscher Walter Hollstein. In seinem Essay „Ohnmacht der Männer: Die andere Seite der Wirklichkeit“ erzählt Hollstein von einer zeitgenössischen Männlichkeit, die eher Drama als Privileg ist. Zu einfache Lebensstrategien zerschellen an einer zu kompliziert gewordenen Wirklichkeit (Kulturradio, 21. Juni, 22 Uhr 04).

Im Kalten Krieg blühte der Bunkerbau. Die Deutschen gruben millionenteure Löcher in die Erde, um sich vor ihren Feinden auf der anderen Seite zu verstecken. Der Kalte Krieg ist vorbei, aber die meisten Bunker sind geblieben. Gigantische Spielzeuge für alte und neue Liebhaber. Paula Schneiders schönes Feature „Im dünnen Strahl der Taschenlampe steckt die ganze Welt“ erzählt von den technischen Monstren der Unterwelt und ihren Fans. Ein weiblicher Blick auf männliche Faszinationsobjekte (Deutschlandfunk, 22. Juni, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

 

Was früher Gott war, sagen Medizinkritiker, ist heute die Gesundheit geworden. Das höchste Gut, der kräftigste Ansporn zu tugendhaftem Leben, ein zunehmend moralisch interpretierbarer Zustand der Gnade. In ihrem Feature „Alles wird Gesundheit“ berichtet Eva Hillebrand von medizinischen Vorsorgestrategien, die den sozialen Organismus immer totaler in den Griff nehmen. Der Gesundheitsmarkt explodiert, Präventionskampagnen erreichen die letzten Winkel der Gesellschaft. Die Autorin diagnostiziert eine neue „Lifestyle Correctness“. Gesundheitsvorsorge ist zur dringendsten sozialen Pflicht geworden (Deutschlandradio Kultur, 25. Juni, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

 

Nachdem der Arzt und Autor Alfred Döblin seinen Roman „Berlin Alexanderplatz“ geschrieben hatte, dachte er viel über das Radio nach. Kann man in diesem neuen, aufregenden Medium auch gute Literatur platzieren? Döblin schrieb das Hörspiel „Die Geschichte von Franz Biberkopf“, frei nach seinem Roman. Die Lebensgeschichte des Ganoven Franz Biberkopf, der sich in Berlin zum Meister seines Schicksals aufschwingen möchte, dabei heftig unter die Räder kommt. Zu Alfred Döblins 50. Todestag hat Kai Grehn das Hörspielmaterial aus den Archiven gegraben und neu inszeniert. Weil Figuren wie Franz Biberkopf kein bisschen unzeitgemäß geworden sind und auch Berlin noch immer ihre Schicksalsrolle spielt (Kulturradio, 26. Juni, 20 Uhr 04).

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