Im RADIO : Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Zwei Männer fahren in einem überfüllten Zug, nur noch ein Sitzplatz ist frei. Beide erheben Anspruch und sehen das Recht auf ihrer Seite. So beginnen die gewöhnlichen Dramen, die Duelle des Alltags. Es geht um Kriegslisten, um symbolische und reale Gewalt, um Blamage oder Triumph. Die beiden Hauptfiguren im amüsant-skurrilen Hörspiel „Der Sitzplatz“ von Karl-Heinz Bölling erwägen kurzzeitig auch den friedlichen Mittelweg. Aber dann entscheidet man sich doch für eine offene Feldschlacht. Zwei solide Herren im Ringen um ein Stück Polster, das plötzlich die ganze Welt bedeutet (Deutschlandradio Kultur, 13. Juni, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Seit es menschliche Kultur gibt, ist die Pädagogik ein heißes Eisen. Ein Schauplatz ideologischer Gefechte, ein Gegenstand für Reformen und Revolutionen. Nach dem Erfurter Amoklauf und dem Pisa-Schock erlebt auch Deutschland eine Blüte neuer Erziehungskonzepte. Das Feature „Das Ende der Kuschelpädagogik“ von Klaus-Dieter Schuster interessiert sich für die konservativen Ideen zu einer neuen deutschen Pädagogik. Es wird mehr Härte und Disziplin im Klassenzimmer gefordert, die Wiedereinführung von „Kopfnoten“ soll Druck erzeugen, säumige Eltern will man stärker an die Kandare nehmen. Im letzten Jahr sorgte das Buch eines Internatsdirektors mit dem krachenden Titel „Lob der Disziplin“ für medialen Wirbel. Schusters Feature versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen: Wo stecken differenzierte, ausgereifte Konzepte, wo wird nur aufs pädagogische Blech gehauen (Deutschlandradio Kultur, 14. Juni, 19 Uhr 30).

Endlich einfacher leben. Auf Wohlstand und Komfort verzichten, dafür Freiheit und Glück gewinnen. Solche Sehnsüchte kennen in Deutschland viele. Im Feature „Ich muss dem Tag keinen Plan mehr geben“ porträtiert Cornelia Beuel eine Frau, die es geschafft hat. Die 58-jährige Anne Donath ist Lehrerin, war verheiratet, führte eine Durchschnittsexistenz. Nun wohnt sie allein in einer Holzhütte ohne Strom und Telefon, fährt nicht mehr Auto, geht nicht mehr shoppen. Im Feature erzählt sie, warum sie trotzdem glücklich ist (Kulturradio, 16. Juni, 9 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Vor einigen Jahren entschied der europäische Gerichtshof, dass Frauen auch in militärischen Dingen nicht benachteiligt werden dürfen. Wie Männer haben sie das Recht, einen Panzer zu fahren, eine Bombe zu werfen, einen Gegner mit dem Bajonett anzugreifen. Mittlerweile gibt es rund 12 000 Frauen in der Bundeswehr. Doch Anja Kempe erzählt in ihrem Feature „Kriegerinnen“, dass weniger als ein Prozent davon in echten Kampfverbänden dienen. Der weibliche Soldat ist hier die Ausnahme, selbst in Israel, wo es eine Wehrpflicht für Frauen gibt. Frauen, so weiß man im männlich dominierten Generalstab, können weniger gut töten, zerstören, verletzen. Taugen weibliche Soldaten doch nur als Aushängeschild für Deeskalationsstrategien? (Deutschlandradio Kultur, 16. Juni, 18 Uhr 05)

Traditionell geht die Konzertsaison der Berliner Philharmoniker unter freiem Himmel zu Ende. Das letzte Konzert vor der Sommerpause wird in der Waldbühne gegeben. Wer es dieses Jahr nicht bis in den Grunewald schafft, kann das spektakuläre Ereignis live am Radio verfolgen. „Rhapsodien“ heißt heuer das Motto. Simon Rattle dirigiert Rhapsodien von Ravel, Rachmaninov, Debussy, Delius. Zündende Ohrwürmer, erfahrungsgemäß gekrönt von Paul Linckes „Berliner Luft“, dem Rausschmeißer jedes philharmonischen Waldbühnenkonzerts (Kulturradio, 17. Juni, ab 20 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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