Medien : Im Radio: Erotik und Sex

Reden wir über die Globalisierung. Einerseits ein Kampfbegriff für entschlossene Unternehmer, die ihrem Personal das Anspruchsdenken austreiben wollen. Andererseits ein virtuelles Hassobjekt für Weltuntergangstheoretiker aller Couleurs. In Davos wird gegen die Supermacht der Konzerne demonstriert, in der globalisierungskritischen Kunst geht es um das Elend einer heimatlos werdenden Psyche. Der Dramatiker René Pollesch hat letzterem Phänomen einige bemerkenswerte Texte gewidmet. Sie erzählen von einer konturlos strömenden Welt, in der unsere traditionellen Orientierungssinne versagen. Heidi Hoh, Polleschs Hauptfigur, verrichtet Telearbeit für ein globales Netzunternehmen. Ihre Firma befindet sich im Web, der Arbeitsplatz ist zu Hause, Innen- und Außenwelt sind keine greifbaren Kategorien mehr. Auf die Zumutungen der Globalisierung reagieren Heidi Hoh und ihre Kolleginnen mit wortmächtiger Hysterie. In fast schon psychedelischen Dialogkaskaden parlieren drei glänzend aufgelegte Schauspielerinnen. Über die Verwirrung aller Begriffe triumphiert die Erotik der weiblichen Stimmen. Die menschliche Stimme ist die Heimat des Radios. Noch. (Deutschlandradio Berlin, 5. Februar, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz)

Reden wir über Sex. Einerseits wird das Phänomen heute von diversen Unterleibskanälen medial verwertet und verwurstet. Andererseits kann auch das Kulturradio nicht ohne weiteres auf den sicheren Quotenbringer verzichten. Auf vielen Wegen wird der Sex in die anspruchsvollen Programme eingeschleust - diskursiv bearbeitet, kritisch reflektiert, engagiert hinterfragt. Zum Beispiel in einem Feature über die Versprechungen der Pornografie. "Der männliche Traum von der machbaren Lust", heißt es im Untertitel. Autor Holger Schenk analysiert die süßen Lügen des Sexgeschäfts: problemloser Konsum statt riskanter Suche, Technik statt Atmosphäre. Geht menschliche Sexualität in den käuflichen Bildern und Szenen restlos auf? Oder findet sich ihr Eigentliches jenseits der Frontbegradigungen des Marktes? (Deutschlandradio Berlin, 6. Februar, Dienstag, 0 Uhr 05)

Mit der Frage, ob Jörg Haider nun ein postmodernes Phänomen oder nur ein alter Nazi ist, beschäftigt sich das Feature von Günter Jacob und Peter Kessen. Ist Haider der Wortführer bodenständigen Protests im Zeitalter der Globalisierung? Die Autoren begreifen ihn auf der Folie der Nachkriegsgeschichte der Alpenrepublik. Kein zufälliger Misswuchs der Demokratie, sondern ein fast zwangsläufiges Produkt österreichischer Realpolitik (Deutschlandfunk, 6. Februar, 19 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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