Im RADIO : Frauenboxen und Kunstexzesse

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

von

Im Fernsehen gibt es jetzt häufig Frauenboxen, im Polizeibericht liest man von Mädchengangs. Auch in puncto Gewalt will das weibliche Geschlecht nun seinen Anteil vom Kuchen. Laut Kriminalstatistik geht jede fünfte Körperverletzung bei Jugendlichen heute auf das Konto eines Mädchens. Im Feature „Riot Girls“ erzählen Sabine Bernardi und Annette Blaschke von den neuen Waffen junger Frauen. Kratzen und Beißen war gestern, heute trainiert frau Kampfsport und prügelt sich durch den urbanen Dschungel wie ein Kerl. Das Feature beobachtet Mädchen beim staatlich verordneten Antiaggressionstraining und erzählt von jugendlichen Straftäterinnen, die es nicht geschafft haben, ihre Wut in legale Bahnen zu lenken (SWR 2, 10. Februar, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wer am Eröffnungsabend der Berlinale zu Hause bleiben will, kann immerhin vorm Radio der glorreichen Vergangenheit des Festivals gedenken. Das Feature „120 Kilometer Film“ von Wolfgang Jacobsen führt zurück ins Jahr 1951. In Berlin sind die Trümmer abgeräumt, das Wirtschaftswunder steht vor der Tür, da kommt die erste Berlinale gerade recht. Bürgermeister Reuter preist die „Überlegenheit der abendländischen Kultur“, die kalten Krieger im Osten schimpfen über „pathologische Kunstexzesse“, der Berliner geht Prominente gucken (Kulturradio vom RBB, 11. Februar, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Ein neues soziales Elendsmilieu darf sich im Hörspiel „Tod eines Praktikanten“ von René Pollesch gründlich aussprechen. Es geht um Menschen, die von soliden, gutbezahlten Jobs träumen, aber einstweilen als schlecht oder gar nicht honorierte Praktikanten in der Warteschleife hängen. So bleibt den verängstigten Einzelkämpfern nur der verbale Amoklauf. Die wortmächtige Hysterie (SWR 2, 12. Februar, 22 Uhr 03).

Vor 65 Jahren wurde Dresden bombardiert. Die barocke Stadt verbrannte zu großen Teilen, bis zu 25 000 Menschen starben. „Brandstellen“ heißt die Lange Radionacht von Jochanan Shelliem, in der Augenzeugen und Nachgeborene erzählen. Wie man in Dresden vor und nach jener Nacht lebte, wie Bomberpiloten damals ihre Tat reflektierten und was deren Söhne heute für die Versöhnung tun (Deutschlandradio Kultur, 13. Februar, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

In der DDR gab es nicht nur politische Verbrechen. Es wurde auch gestohlen und geraubt, erpresst und unterschlagen, manchmal sogar gemordet. Allerdings durfte in der Öffentlichkeit nicht groß darüber geredet werden, weil Kriminalität dem Sozialismus bekanntlich wesensfremd war. Keine allzu günstigen Arbeitsbedingungen für Krimiautoren, sollte man denken. Aber im Feature „Mord unter Genossen“ von Ralph Gerstenberg und Carsten Würmann erfahren wir, dass es in der DDR kein erfolgreicheres Kulturgut gab als Kriminalromane und Kriminalfilme. Das Genre funktionierte als eine Art Gegenöffentlichkeit, in der plötzlich doch von Mangelwirtschaft, Vorteilsnahme und sozialer Kälte geredet werden konnte (Deutschlandfunk, 16. Februar, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

0 Kommentare

Neuester Kommentar