Im RADIO : Frühstückspoeten und Plastinierer

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Seit der Programmreform geht es beim Deutschlandradio Kultur angenehm turbulent zu. Da werden zum Frühstück schon feuilletonistische Leckerbissen verabreicht. Für ihr wöchentlich gesendetes Mini-Feature „Mensch Müller“ telefonieren die Autoren Matthias Baxmann und Matthias Eckoldt quer durch Deutschland mit Bürgern, die den klassischen Namen Müller tragen. Die Müllers werden nach ihrer Meinung zu Problemen unseres Lebens gefragt und ihre Überlegungen werden zu amüsanten O-Ton-Collagen verarbeitet. Eine schön rhythmisierte Meinungsmusik mit hohem Suchtfaktor, die den Müller ins uns allen weckt (Deutschlandradio Kultur, 11. Juli, 7 Uhr 35, UKW 89,6 MHz).

Wenn ein Kind früh schon musikalische Begabung erkennen lässt, geraten die Eltern häufig in Aufregung. Vielleicht steht eine Weltkarriere vor der Tür, niemand möchte sie verpassen. Es wird gefördert, was kindliche Schaffenskraft und familiäres Budget nur hergeben. Ein Fixpunkt dabei ist der Wettbewerb „Jugend musiziert“. Rund 20 000 hochbegabte Kids ringen hier jedes Jahr um erste Einträge auf der persönlichen Ruhmestafel. Das Feature „iPod und Paganini“ von Helmut Kopetzky erzählt aus dieser Wunderkinderszene. Der Autor spricht mit Kindern und ihren Ausbildern, die einen Weg auf die Gipfel der Hochkultur suchen. Eine Welt voll abgründiger Rituale, in der sich die Dinge selten auf kindliches Vergnügen, aber meist auf Mühe, Anspannung und Disziplin reimen (Deutschlandradio Kultur, 12. Juli, 18 Uhr 05).

Nachbarn sind eine zentrale Größe in unserem sozialen Erfahrungshaushalt. Manchmal hören wir jahrelang nur ihr Rumoren hinter der Wand, dann wieder sind wir aufs Dickste mit ihnen befreundet. Wir führen erbitterte Gerichtsprozesse oder nehmen sie prinzipiell nicht zur Kenntnis. Im Feature „Mein Nachbar, das unbekannte Wesen“ versucht Autorin Stefanie Pütz das Wesen der Nachbarschaft zu ergründen. Nachbarn taugen als Projektionsfiguren im Guten wie Bösen. Die Autorin erzählt von den Nachbarschaftsforschungen der Soziologen und Nachbarn als Vermarktungsfaktor im Immobiliengeschäft (Kulturradio, 13. Juli, 9 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat unlängst einen Roman über Kurt von Hammerstein-Equord veröffentlicht. Eine künstlerische Annäherung an einen Reichswehrgeneral, der seine Karriere aufgab, weil er nicht mit den Nazis paktieren wollte. Ein deutsche Biografie, die alle Klischees der populären Geschichtsschreibung mühelos unterläuft. Hammerstein stammte aus altem westfälischen Adel und hat die meiste Zeit seines Lebens beim Militär verbracht. Trotzdem schildern ihn Weggefährten als aufgeklärten Weltbürger. Enzensberger hat seine aufschlussreiche Studie nun in Hörspielform gebracht. „Hammerstein oder der Eigensinn“ erzählt von einem Mann, der entschlossen an den deutschen Sekundärtugenden vorbeilebte und gerade deshalb heute als Mensch ohne Fehl und Tadel dasteht (SWR 2, 13. Juli, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wer erinnert sich noch an Gunter von Hagens? Inhaber eines Weltpatents zur Herstellung anatomischer Präparate, fiebriger Volksaufklärer, halb Künstler, halb Scharlatan. Ein Mann, der Joseph Beuys außerordentlich ähnlich sah und wie dieser stets einen Filzhut trug. Nun ist Gunter von Hagens tot. Ermordet in den Räumen seiner Ausstellung „Körperwelten“. Nein, nicht der echte Avantgardist des Schaugewerbes, sondern sein literarischer Doppelgänger. Die Hauptfigur im amüsantem Kriminalhörspiel „Plastinat. Schön“ von Wolfang Zander trägt sinnfälligerweise den Namen Gunther von Tronje und steht auf dunkle Weise mit dem arbeitslosen Privatdetektiv Gass in Beziehung (Deutschlandradio Kultur, 14. Juli, 21 Uhr 33).

0 Kommentare

Neuester Kommentar