Im RADIO : Große Stimmen und stille Schreie

Licht in der Finsternis: Was Sie diese Woche im Radio nicht verpassen sollten.

Thomas Peuckert

Vor gut 100 Jahren stirbt Leo Tolstoi in einem russischen Bahnwärterhäuschen, auf der Flucht vor den Widersprüchen seines Lebens. Zwei Jahrzehnte früher hat er eine solche Flucht in dem autobiografischen Drama „Und das Licht scheint in der Finsternis“ bereits beschrieben. Tolstois Hauptfigur, ein wohlhabender Gutsbesitzer, möchte wie ein urchristlicher Mönch leben, aber die gierige Familie lässt ihn nicht. Autor Gerhard Ahrens hat die unvollendete Theaterfantasie für das Radio bearbeitet. Die Lebensprobleme eines reichen Mannes, der auch ein guter Mann sein möchte (Deutschlandradio Kultur, 19. September, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Schon als Kind fiel Jurij Borisowitsch Levitan durch seine klare und durchdringende Stimme auf. Das war in den zwanziger Jahren, in der russischen Provinz. Als junger Mann ging er nach Moskau, um Schauspieler zu werden. Aber die Revolution brauchte nur sein Sprechorgan. Günter Kottes Feature „Stalins Stimme“ erzählt das Leben des Mannes, der zum akustischen Repräsentanten des roten Zaren wurde. Levitan verlas alle Proklamationen Stalins im Radio, während des Krieges auch den täglichen Frontbericht. Jahrzehntelang lebte und überlebte er in der Höhle des Löwen (Kulturradio vom RBB, 19. September, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Der britische Autor James Graham Ballard ist Spezialist für Weltuntergänge im Mittelstandsmilieu. In seinen Geschichten zerbrechen gutbürgerliche Verhältnisse derart gründlich, dass dahinter die Wildnis sichtbar wird. Sein Hörspiel „Running Wild“ erzählt von einer Luxussiedlung im Londoner Westend. Eines Tages werden alle Erwachsenen ermordet aufgefunden, die Kinder sind verschwunden. Einem überlebenden, schwer traumatisierten Kind versucht ein Psychiater die Wahrheit zu entlocken. Bald hat er einen ungeheuerlichen Verdacht (Deutschlandfunk, 22. September, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Seit den gescheiterten Sozialexperimenten des 20. Jahrhunderts ist es still um die Utopien geworden. Aber kann der Mensch wirklich aufhören, von einer schöneren Gesellschaft zu träumen? Bleibt nicht ein Bodensatz in den Herzkammern? Im Feature „Eine andere Welt ist möglich“ bilanzieren Inge Braun und Helmut Huber die jüngere Geschichte der Weltverbesserungsträume. Sie erzählen von zornigen Alten und rebellischen Jungen, von fantastischen Lebensentwürfen und ganzheitlichen Enttäuschungen. Von Utopien, die alles auf den Kopf stellen, und anderen, die wie eine Art utopischer Pausensnack erscheinen (Deutschlandradio Kultur, 22. September, 18 Uhr 05).

Die schönsten Alten gibt es in der Rockmusik – faltig, aber immer noch sexy, wie Mick Jagger. Lebenslanger Rock ’n’ Roll ist stressig, aber auch vitalisierend. Für ihr Feature „Never get old?“ haben Jörn Morisse und Oliver Koch etliche alternde Helden des internationalen Rockgeschäftes befragt. Wie ist das, wenn die Kunstpraxis radikal jugendlich bleibt, aber der Körper allmählich bröckelt? Wie übersteht ein gereifter Rockstar Live-Acts und Tourneestress, welche Kompromisse sind im Namen der Gesundheit nötig, was tut im Alter wirklich weh? (Deutschlandradio Kultur, 26. September, 0 Uhr 05)

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