Im RADIO : Heimat, Liebe und Verrat

Wolfgang Koeppen, Edgar Allan Poe und ein Drama von Shakespeare. Tom Peuckert verrät, was man im Radio nicht verpassen sollte.

In der Psychiatrie gilt der Schizophrene als schwer krank. Seine Seele und sein Bewusstsein sind gespalten, er weiß nicht, wer er ist und wo er hingehört. Vielen Informanten des Verfassungsschutzes dürfte es ähnlich gehen, ohne dass ihnen ein Arzt zu Hilfe eilt. Das Feature „Genosse Quelle, Kamerad V-Mann“ von Ulrich Chaussy erzählt von Zeitgenossen, die in den extremistischen Szenen des Landes aktiv mitmischen, aber auch dem Verfassungsschutz Bericht erstatten. Die Frage nach ihrer eigentlichen Loyalität ist meist schwer beantwortbar. V wie Vertrauen oder wie Verrat, je nach Perspektive. Studien zu einer prekären Form des Doppellebens (SWR 2, 26. September, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wenn einem spätabends zu Hause die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fällt, wenn Freunde nicht mehr ans Telefon gehen, dann ist es gut, eine Kneipe gleich um die Ecke zu kennen, die in solchen Momenten noch Trost spendet. Das Hörspiel „Chez Icke“ von Gesine Danckwart und Fabian Kühnlein ist ein vielstrophiges Loblied auf derartige Schankwirtschaften. Es kann ein lauter Prollschuppen sein oder eine stille Hotelbar, eine Eckkneipe in Berlin oder ein Weinlokal in Freiburg. Das Hörspiel erzählt Geschichten vom großen Geselligkeitsdurst notorischer Single-Existenzen und der letzten Utopie, die ihnen geblieben ist: eine Kneipe, die irgendwie zur Heimat wird (Kulturradio vom RBB, 28. September, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Als König Lear alt geworden ist, will er sein Reich gerecht unter den drei Töchtern aufteilen. Wie schrecklich Lear damit scheitert, erzählt Shakespeares berühmtes Drama. Auf den Spuren des großen Theaterdichters untersucht die Künstlergruppe She She Pop das Vererben als noch immer hochexplosiven sozialen Vorgang. Für ihr Hörspiel „Testament“ haben die Künstler die eigenen Väter ins Studio geholt und mit ihnen einen ebenso amüsanten wie existenziellen Dialog über das ökonomische Band zwischen den Generationen geführt (Kulturradio vom RBB, 30. September, 14 Uhr 04).

Die deutsche Literatur der frühen fünfziger Jahre hat Wolfgang Koeppen beinahe im Alleingang geschrieben. Drei große Romane veröffentlichte Koeppen zwischen 1951 und 1954, sie erzählen von den Gründerjahren der Bonner Republik. Hauptfigur der Hörspieladaption des Romans „Das Treibhaus“ ist SPD-Politiker Felix Keetenheuve, ein tragischer Reflexionsmensch, der viel begreift, aber wenig bewirken kann. Keetenheuve sieht, wie die alten Eliten in Bonn nach der Macht greifen, sein Pazifismus bleibt unerwünscht, seine Neigung zur Kunst macht ihn zum Außenseiter. Verstrickt in gefährliche Liebschaften endet sein Lebensweg auf einer Bonner Rheinbrücke (SWR 2, 30. September, 18 Uhr 20).

Weil er als blinder Passagier auf einem Walfänger in die Arktis reisen möchte, lässt sich Arthur Gordon Pym unter Deck in eine sargähnliche Kammer einschließen. Seine Helfer vergessen, den Sarg wieder zu öffnen, und Pym erlebt ein klaustrophobisches Martyrium in lichtloser Enge. Das ist nur der Anfang aller Schrecken im Schauerroman „Die Geschichte des Arthur Gordon Pym“ von Edgar Allan Poe, der dieses Thema bekanntlich in mehreren Romanen behandelt hat. Später übersteht Pym eine Meuterei, mehrere Schiffbrüche und schließlich die Begegnung mit einer Kultur, in der Fremde rituell ermordet werden. Für Freunde des literarischen Grauens dürfte die unter dem Titel „PoesPym“ arrangierte Hörspielfassung des berühmten Romans genau das Richtige sein (Deutschlandradio Kultur, 30. September, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

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