Im RADIO : Herta Müller und die Welt ohne Geld

Tom Peuckert verrät, was Sie im Hörfunk nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Das kleine Dorf Eschenau in Unterfranken scheint ein idyllischer Ort. Bis eine Frau bei der Polizei zu Protokoll gibt, dass einige der angesehensten Bauern im Ort seit Jahrzehnten Frauen und Kinder missbrauchen. Eine mediale Lawine kommt ins Rollen, am Ende hat sich ein Verdächtiger erhängt, ein anderer landet nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie. Hätten die angeblichen Opfer doch nur geschwiegen, heißt es im Dorf, das nun keine Idylle mehr ist. Feature-Autorin Sibylle Tamin ist ein Jahr lang immer wieder nach Eschenau gefahren. Mit ihrem Mikrofon belauscht sie Aufruhr, Angst und Wut im dörflichen Mikrokosmos. „Jagdszenen aus Unterfranken“ heißt ihr eindrucksvolles Feature (Kulturradio vom RBB, 25. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Beim Südwestrundfunk geht es eine Nacht lang um Kriminalgeschichten. Um Detektive und Polizisten, Gauner und Ganoven, um Schuld und Sühne. „Verdacht nach 8“ heißt die von sämtlichen Kinderradio-Redaktionen der ARD organisierte Radionacht, die ausdrücklich für ein junges Publikum gedacht ist. Eine Einladung an alle Halbwüchsigen, es sich weit über die normale Schlafengehenszeit hinaus vorm Radio gemütlich zu machen, eine Aufforderung an die Eltern, in dieser Nacht sämtliche Augen zuzudrücken. Vielleicht hören sie ja selber mit, wenn Kriminalisten erzählen und Reporter sich zu dunklen Orten aufmachen. Die Kriminacht bietet Hörspiele, Lesungen, Reportagen und viel Gelegenheit zum Mitmachen für Hobby-Detektive aller Altersklassen (SWR 2, 27. November, ab 20 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Zuletzt hat man in der Zeitung oft von Herta Müllers Leiden gelesen. Von abgesagten Lesungen war die Rede, von Fluchtversuchen und dringenden Bitten um Rücksichtnahme. Sicher ist so ein großer Preis auch ein Glück, aber der nachfolgende Medienhype, die Verwandlung einer einsamkeitsbedürftigen Autorin in everybodys Darling, führt an die Schmerzgrenze. Wer Herta Müller nicht nerven möchte und trotzdem auf die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009 neugierig ist, darf jetzt dezent sein Radio einschalten. Vor zwei Wochen hat die Schriftstellerin im Literarischen Colloquium am Wannsee aus ihrem neuesten Roman „Atemschaukel“ gelesen und danach mit Literaturexperten diskutiert. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist in der Reihe „Studio LCB“ zu hören (Deutschlandfunk, 28. November, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Es gab eine Zeit, da waren präzise Landkarten mehr wert als Gold. Mit ihrer Hilfe fand man den Weg zu noch ungehobenen Schätzen dieser Erde, zu Kontinenten und Kulturen, die der Ausbeutung harrten. Landkarten brachten Ordnung in den Kosmos und damit den modernen Kapitalismus erst richtig in Schwung. In seinem ebenso informativen wie unterhaltsamen Feature „Vermessene Welten“ erzählt Jürgen M. Thie die lange, abenteuerliche Geschichte der Kartografie. Von den Abenteuern der Frühzeit und von Haupt- und Nebenpfaden bei der systematischen Vermessung der Welt. Von Kartenfälschern, Kartenhändlern und Kartensammlern. Von dem sich unaufhörlich steigernden technischen Raffinement, mit dem die Erde heute in ein engmaschiges Koordinatensystem gepresst wird (Deutschlandfunk, 29. November, 20 Uhr 05).

Dass der Teufel das Geld erfunden hat, wird von den wenigsten bezweifelt. Ganz sicher hatte er dabei Böses im Sinn, etwa die Förderung der menschlichen Gier und Verzweiflung. Aber ging es dem Teufel mit dem Geld so, wie Mephistopheles in Goethes „Faust“? Hat er das Böse gewollt und doch das Gute geschaffen? Edina Piccos Feature „Wer braucht schon Geld?“ macht sich Gedanken über das wichtigste Schmiermittel unserer Zivilisation. Woher kommt das Geld, und wozu wird es gebraucht? Die Autorin hat sich auch unter Geldverächtern umgehört. Bei den Aktivisten einer geldlosen Kultur, die Tauschringe organisieren und lokale Ersatzzahlungsmittel kreieren. Gibt es das heute tatsächlich: eine ernst zu nehmende Vision einer Welt ohne Geld? (Deutschlandradio Kultur, 30. November, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

0 Kommentare

Neuester Kommentar