Im RADIO : Hitler, Freud und die Tabus

In der Sowjetunion gab es keine Privatdetektive? Falsch, zumindest im Hörkrimi "Marlov und der Alfa Spider" wird das Gegenteil bewiesen. Was es sonst noch zu hören gibt, verrät Tom Peuckert.

Eine Zeit lang war Stefan Zweig der meistgelesene Schriftsteller im deutschen Sprachraum. Vor siebzig Jahren hat er in Brasilien den Freitod gewählt, weil Hitler an allen Fronten siegte und die Emigration endlos zu werden drohte. Die Welt von gestern, so der Titel eines seiner berühmten Bücher, war derart gründlich verloren, dass nicht einmal mehr Nostalgie den heimatlos gewordenen Juden tröstete. Wolfgang Rödels Feature „Ich spüre im Herzen nichts als Traurigkeit“ erzählt über ein lange erfolgreiches Schriftstellerleben, das am historischen Unglück und auch an einer tiefsitzenden Disposition zur Melancholie zerbrach (Kulturradio vom RBB, 22. Februar, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Im Grunde liegt es nahe, den Erfinder der Psychoanalyse in seiner Heimatstadt auf Verbrecherjagd gehen zu lassen. Heiko Martens Hörspiel „Prof. Sigmund Freud: Das zweite Gesicht“ erweitert Freuds Therapeutenalltag um eine ebenso reizvolle wie gefährliche Komponente. Gemeinsam mit einem Gendarmen und dessen Tochter ermittelt Freud im Wiener kriminellen Untergrund. Der erste Fall führt ins Burgtheater: Die Tochter des Theaterchefs wurde ermordet, die Leiche ist vollkommen blutleer. Das Werk eines Vampirs, wie die Wiener Volksseele vermutet. Professor Freud hat natürlich eine raffiniertere Hypothese (SWR 2, 24. Februar, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

Vor Jahrzehnten nannte man Computer gern Elektronengehirne. Eine dämonische Technologie für Freaks und abgedrehte Wissenschaftler. In Isaac Asimovs Science-Fiction-Hörspiel „Falsch korrigiert“ aus dem Jahr 1970 soll ein Elektronengehirn das Buch eines berühmten Soziologieprofessors Korrektur lesen, aber überraschend verweigert die Maschine ihre Mitarbeit. Weil zu viele Fremdzitate im Werk die eingebauten ethischen Standards des Computers verletzen. Asimovs Fiktion sieht also nicht nur die Epoche aufbegehrender Maschinen voraus, sondern auch das Zeitalter zügelloser Plagiatoren (Deutschlandfunk, 25. Februar, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Sigmund Freud II: Manfred Bauschultes Lange Radionacht „Ich bin ganz Totem und Tabu“ ist jener gleichnamigen Schrift Freuds gewidmet, die vor genau 100 Jahren auf den Buchmarkt kam. Eine Nacht lang geht es um die spannende Frage, was der Neurotiker und der Wilde gemeinsam haben. Überraschend viel, wie Freud damals diagnostizierte und so die moderne Zivilisation in eine skandalierende Nähe zum Treiben primitiver Stämme rückte. Freud meinte das gewaltige Konfliktpotenzial zwischen Vätern und ihren Söhnen. In der Frühzeit ermordeten Söhne den Vater, weil sie mit ihm um die Frauen des Stammes konkurrierten. Das libidinöse Drama ließ sich bis in die Gegenwart der bürgerlichen Kleinfamilie verfolgen (Deutschlandfunk, 25. Februar, ab 23 Uhr 05).

Natürlich gab es in der einstigen Sowjetunion keinen Platz für Privatdetektive. Autor David Zane Mairowitz hat trotzdem einen erfunden. Sein Privatdetektiv Marlov darf tief in die Geheimnisse der roten Nomenklatura eindringen. Im Krimi „Marlov und der Alfa Spider“ ist es kein Geringerer als KPdSU-Chef Breschnew, der Marlov in den Siebzigern zu sich kommen lässt. Scheinbar ist der Auftrag banal: Marlov soll für den autovernarrten Parteiboss in Italien einen Alfa Romeo beschaffen. Der Detektiv macht sich auf den Weg, wird in Italien verhaftet und entdeckt bald ein paar unangenehme Hintergründe seiner Mission (Deutschlandradio Kultur, 27. Februar, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

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