IM RADIO : Huck und Tom als Hörspiel

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Als der Schriftsteller Peter Weiss vor gut dreißig Jahren seinen Roman „Ästhetik des Widerstandes“ veröffentlichte, hatte das höchst paradoxe Folgen. Weiss war Marxist, aber er wollte über Terror und Gemeinheit in der Geschichte des Sozialismus nicht schweigen. Sein Buch wurde von vielen Linken im Osten mit glühender Hingabe gelesen, aber die DDR-Behörden erteilten dem Autor ein Einreiseverbot. „Mein Leben ist ein Zwiespalt“ heißt Lutz Volkes Feature, das die Geschichte dieses bemerkenswerten Romans erzählt. Ein Erlösungsbuch für Intellektuelle, die es weiterhin mit der Weltrevolution halten wollten, aber nicht mehr mit versteinerten Revolutionsbeamten. Ein Kunstwerk, dessen Rezeptionsgeschichte viel über den allmählichen geistig-moralischen Bankrott der DDR verrät (Kulturradio vom RBB, 3. März, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Jahrzehntelang galt Wachstum als zentraler Heilsbegriff der kapitalistischen Ökonomie. Aber nun leben wir mit der bösen Ahnung, dass die Menschheit sich auch kaputtwachsen kann. Die Natur gibt das Gewünschte nicht mehr her, sie droht, toxisch zu werden. Seit einiger Zeit wird unter Intellektuellen häufiger über das Schrumpfen geredet. Nina Rotfels’ Feature „Im Zeichen der Schnecke“ porträtiert die französische Décroissance-Bewegung, ein Netzwerk von Antiwachstums-Aktivisten. Mathias Greffraths Radioessay „Nicht weniger. Besser!“ geht der Frage nach, ob reduzierter Konsum tatsächlich ruinös für unser Wirtschaftssystem ist. Wäre eine gesamtgesellschaftliche Schrumpfkur denkbar, bei der es nur Gewinner gäbe? (SWR 2, 3. März, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz; Deutschlandfunk, 5. März, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz)

Von 1865 bis 1976 gab es in Berlin eine Stadtrohrpost. Ein hunderte Kilometer langes Netz von Röhren, durch das druckluftgetriebene Hülsen sausten. Für ihr Feature „Briefe aus der Erde“ haben sich die Autoren Teresa Schomburg und Matthias Käther auf die Spur dieser seltsamen Institution begeben. Einerseits gehört sie zur Welt der Großeltern, andererseits kann sie noch immer das technische Interesse der Jugend wecken. Die Autoren finden in Berlin Reste des Systems: unterirdische Röhren, Luftverdichter, Schalttafeln. Sie treffen leidenschaftliche Rohrpostler, die nicht verstehen können, warum diese geniale Schöpfung aus dem Arsenal unserer Technologien verschwunden ist. Und schließlich entdecken sie Orte, an denen die Rohrpost – zumindest in Rudimenten – noch heute weiterlebt (Kulturradio vom RBB, 6. März, 9 Uhr 05).

Charlottes alter Würfel würfelt plötzlich nur noch Einsen. Wenig später entdeckt das Mädchen in ihrer Straße ein schwarzes Haus, das niemand außer ihr sehen kann. Ein Junge schaut aus einem Fenster und lädt sie zum Besuch des Hauses ein. In Wolfgang Zanders schönem Kinderhörspiel „Das schwarze Haus“ begleiten wir Charlotte in ein magisches Bauwerk. Drinnen streiten ein Zauberer und eine Hexe erbittert um Besitzrechte. Ausgerechnet ein Würfelspiel hat sie vor langer Zeit zu Feinden gemacht. Kann Charlottes verwunschener Würfel die beiden aus ihrem Streit befreien? (Deutschlandradio Kultur, 7. März, 14 Uhr 05, UKW 89,6 MHz)

Vor hundert Jahren starb der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain. Mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn hat er der Nachwelt zwei unsterbliche Figuren hinterlassen. Archetypen einer kindlichen Abenteuerlust, die im Roman vor grandioser Mississippi-Kulisse ausgelebt wird. Huck und Tom sind tapfere und freiheitsdurstige Jungs, die sich in einer keineswegs gemütlichen Welt irgendwie behaupten müssen. Für die Alten gehören Rassismus und Bigotterie immer noch zum guten Ton, auch das Verbrechen ist allgegenwärtig. Zum Jubiläum gibt es nicht nur eine neue Übersetzung des vielbändigen Werkes ins Deutsche, sondern auch seine Adaption fürs Radio. „Tom Sawyers Abenteuer“ und „Huckleberry Finns Abenteuer“ als insgesamt sechsteiliges Hörspiel, das ist ein Vergnügen für alle Generationen (Deutschlandradio Kultur, 7. März, 18 Uhr 30; weitere Teile am 10., 17., 24. 31. März und 7. April, jeweils 21 Uhr 33).

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