Medien : Im Radio: Im Balkanrausch

Tom Peuckert

Die Romane von Michel Houellebeque haben auch die Leser in Deutschland berührt und fasziniert. Ihre apokalyptischen Bilanzen trafen ins Herz. Vielleicht wäre es besser, so suggerierte der französische Autor mit grimmiger Lakonie, das Mängelwesen Mensch ließe sich bei erster Gelegenheit durch perfektere Maschinen ersetzen. Nun erleben wir die Wiedergeburt seiner Romane aus dem Geist des Dramas. Eine Theaterfassung der "Elementarteilchen" steht in Berlin kurz vor der Uraufführung.

Der Vorgänger-Roman "Ausweitung der Kampfzone" ist in einer preisgekrönten Radiofassung zu hören. Das Hörspiel nach Houellebeque bietet gewiss Gelegenheit, den radikalen Pessimismus des Autors erneut zu überdenken (Deutschlandfunk, 7. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Einer der letzten Texte, der für die Reihe "Passagen" entstand, stammt von Steffen Kopetzky. Dass Kopetzky ein furioser Erzähler ist, hat er zuletzt mit zwei Romanen unter Beweis gestellt. Seine Radiogeschichte "Traum eines Enkels von den Sternen" ist auch eine Beschäftigung mit den Wurzeln des eigenen Talents. Vielleicht stammt alles vom Großvater her, der seinen Enkel in immer neuen Variationen mit Geschichten erquickte. Vor einem Dreivierteljahrhundert reiste der Großvater ins bulgarische Plovdiv, um dort eine Textilmaschine zu montieren. Nun verschlägt es den Enkel im Gefolge einer deutschen Kulturdelegation ins nahe Sofia. Angewidert vom offiziellen Betrieb setzt er sich nachts in ein Taxi und lässt sich in die Stadt des Großvaters bringen. Drei schlaflose Tage und Nächte verbringt er dort im Herzen des Balkans.

Die exotische Schönheit des europäischen Südostens wirkt berauschend. Der Erzähler gerät in einen rhetorischen Balkanrausch. Eine dionysische Verzückung, die sich ungeniert zu kosmologischen Visionen weitet. Schön, dass sich einer noch so ins Leben verlieben kann (Radio Kultur, 7. Oktober, 22 Uhr, UKW 92,4 MHz).

Die besten Radioessays aber sind im Südwestradio zu hören. Jeden Montag abend widmet man sich dort bedeutenden Kapiteln unserer Geistesgeschichte. Hans-Martin Schönherr-Mann heißt einer der häufig präsenten Radiodenker, der mit imponierend rauher Stimme auch selber vorträgt. Diesmal referiert Schönherr-Mann über den Soziologen Eric Voegelin. Wie kein zweiter hat Voegelin die unheilvollen Zusammenhänge von Religion und Politik im 20. Jahrhundert durchschaut. Anregender, so wollen wir hier einmal behaupten, können Montagabende gar nicht verbracht werden (SWR 2, 9. Oktober, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben