Medien : Im Radio: Kants Grillen

Niemals in seinem langem Leben, sagen die Biografen, sei Immanuel Kant aus seiner Heimatstadt Königsberg herausgekommen. Und doch hat er auf faszinierende Weise gewusst, wie draußen in der Welt alles funktioniert. Die bürgerliche Gesellschaft, das menschliche Erkennen, eine Politik des Friedens. Im Hörspiel "Kant" von Ute Scharfenberg erleben wir den Philosophen als kauzigen Privatier. Ein Greis am Ende seiner Tage. In grotesken Traumszenen wird seine Leiche bereits von den Anatomen vermessen. Ausgerechnet der englische Romantiker Thomas De Quincey hat die literarische Vorlage für dieses muntere Hörspiel geliefert. De Quincey interessierte die Hypochondrie, die enorme Grillenhaftigkeit, der Wahnsinn des Alltäglichen in Kants Existenz. In der komödiantischen Inszenierung von Jörg Jannings kommt das alles eher liebenswürdig daher. Kurt Hübner gibt Kant mit behaglich ostpreußischem Zungenschlag. Ein schnurriger Hausvater, der seit zwanzig Jahren täglich zur gleichen Zeit seine Pfeife raucht, dazu das immergleiche zerschlissene Mützchen trägt. Wenn Hübner seinen kauzigen ostpreußischen Singsang anstimmt, kann man als Hörender sofort süchtig werden (Deutschlandradio, 3. Oktober, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Kant hat über ein klares, helles Leben nachgedacht. Aber das Leben ist ja dunkel und verworren. Davon weiß die Kunst ein Lied zu singen. Nehmen wir nur Thomas Gerbers Hörspiel "Whoosh". Eine "schamanistische Odyssee" nennt der Autor seine Radioarbeit. In rasanten Assoziationen umkreist "Whoosh" die immergleichen Essenzen unserer Existenz: Gewalt, Sex, die Macht des Geldes. Eine Handvoll junger Leute suchen das Glück. Mal begehren sie einander, mal schlagen sie einander tot. Dunkle Geschäfte werden gemacht, radikale Ideologien produziert, geheime Ängste offenbart. Man will das Leben als pausenlose Party, und steckt plötzlich tief drin in der Hysteriefalle. Wie soll man es nur aushalten mit all seinen verrückt gewordenen Wünschen? Und dann wird man eines Tages auch noch dreißig Jahre alt. Der coole Sarkasmus im Hörspiel wirkt authentisch, an geistreichen Pointen herrscht kein Mangel, im Hintergrund sorgt ein DJ für treibenden Rhythmus. Am Ende will sich das gesamte Personal in einem Raumschiff davonmachen. Aber irgendwie geht die Maschine kaputt. Aus narzisstischen Überfliegern, denen der Rest der Welt scheißegal ist, werden jammernde Bruchpiloten. Das wirkt jetzt wie ein böser Kommentar zu den Unglücksfällen, die der westlichen Welt zugestoßen sind (Radio Kultur, 5. Oktober, 21 Uhr, UKW 92,4 MHz).

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