Im RADIO : Katastrophen und Enzensberger

Tom Peuckert verrät, was Sie im Hörfunk nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Tief hinein in die Geschichte des Stalinismus führt Matthias Eckoldts Feature „Du kannst doch nicht klüger sein wollen als das ganze ZK!“. Der Autor porträtiert Rudolf Herrnstadt, einen führenden Journalisten der jungen DDR. Nach 1945 war Herrnstadt Chef des „Neuen Deutschland“ und oberster Medienfunktionär der SED. Ein Stalinist, urteilt ein befragter Historiker, nur etwas bunter. Genau deshalb hat Herrnstadt irgendwann die graue Machtfassade der SED nicht mehr ertragen können und gegen den ostdeutschen Diktator Ulbricht opponiert. Dessen Rache war gnadenlos, einsam und verbannt starb Herrnstadt einen frühen Tod in der Provinz. Eckoldts Feature erzählt über das Leben in den inneren Machtzirkeln des Kommunismus und ein säkulares Glaubenssystem, das von Anfang an mehr durch Gewalt und Herrschaft als durch politischen Idealismus geprägt war (Kulturradio vom RBB, 28. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Als Orson Welles vor gut siebzig Jahren im Radio den Science-Fiction-Klassiker „Der Krieg der Welten“ inszenierte, da erlebte das Hörspielgenre den vielleicht größten Publikumserfolg seiner Geschichte. Eigentlich hatten Millionen Amerikaner auf NBC die populäre „Edgar Bergen Show“ gehört, aber während einer Pause schalteten sie zu CBS. Weil Welles sein Hörspiel als Livereportage tarnte, glaubte das Publikum an eine echte Invasion vom Mars und flüchtete in Scharen aus den Städten. Eine legendäre Episode aus der goldenen Zeit des Radios, die beweist, dass auch Hörspiele mediale Hysterie auslösen konnten. Passend zu Halloween kommt Welles Originalinszenierung plus einer dezenten deutschen Synchronisation nun noch einmal auf den Sender (Deutschlandfunk, 31. Oktober, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Samstag wird der diesjährige Georg-Büchner-Preis an den österreichischen Schriftsteller Walter Kappacher verliehen. Lange galt Kappacher als Geheimtip, als ein Autor, den man noch entdecken könne. Damit dürfte es nun vorbei sein. Uwe Kossacks Feature „Was ich beschreibe, will ich vor mir sehen“ porträtiert einen konsequenten literarischen Einzelgänger, der seit vierzig Jahren Romane und Erzählungen schreibt. Einen Meister der Stille und Schlichtheit, dessen schmuckloser Realismus oft zur Unterschätzung einlud. Kappacher erzählt über seine Vergangenheit als Motorradrennfahrer und Schauspieler, über die Lust an der literarischen Präzision und natürlich über das Leben abseits der Hauptströmungen des ästhetischen Betriebs (Kulturrradio vom RBB, 31. Oktober, 19 Uhr 04).

Gute Gedichte sind so etwas wie mitreißende Gedankenmusik. Geglückte Synthesen von Geist und Klang. Um das zu verstehen, muss man nur eine Lesung des Dichters Lutz Seiler hören, die es mittlerweile auf mehreren Hörbüchern gibt. Vor zwei Jahren tauchte der 1963 im thüringischen Gera geborene Seiler dann zum ersten Mal mit einem Prosastück auf. Er nahm am Wettlesen in Klagenfurt teil und gewann prompt den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Der ausgezeichnete Text findet sich auch in Seilers erstem Buch mit gesammelter Prosa „Die Zeitwaage“. Vierzehn Geschichten, die von prägenden Wendepunkten im Leben ihrer Hauptfiguren erzählen. Handlungsort ist das Berlin nach dem Mauerfall. In der Reihe „Studio LCB“ liest Lutz Seiler aus seinem neuen Buch vor (Deutschlandfunk, 31. Oktober, 20 Uhr 05).

Hans Magnus Enzensberger hat einen biografischen Roman über einen deutschen Reichswehrgeneral geschrieben. Ein Mann, der seine Karriere aufgab, weil er nicht mit den Nazis paktieren wollte. Dieser Kurt von Hammerstein-Equord stammte aus altem westfälischen Adel und hat die meiste Zeit seines Lebens beim Militär verbracht. Trotzdem schildern ihn Weggefährten als aufgeklärten Weltbürger mit ausgeprägtem Hang zum Laissez-faire, als genussvollen Müßiggänger. Enzensberger hat seinen Roman nun in eine Hörspielform gebracht. „Hammerstein oder der Eigensinn“ erzählt von einem Mann, der entschlossen an den deutschen Sekundärtugenden vorbeilebte und gerade deshalb heute als Mensch ohne Fehl und Tadel erscheint (Deutschlandradio Kultur, 1. November, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz; Teil 2 am 8. November, 18 Uhr 30).

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