Im RADIO : Kindsmörder, Glücksritter

Was Sie diese Woche im Hörfunk nicht verpassen sollten.

von

Die Kindsmörderin handelt scheinbar gegen die Natur der weiblichen Gefühle. Gerade dadurch reizt sie den Künstler, diesen Experten für Verirrungen der menschlichen Seele, immer wieder zu Interpretationen. Auch die Hauptfigur in Thomas Martins Hörspiel „Lasset die Kindlein“ hat all ihre Kinder kurz nach der Geburt umgebracht. Ein langer Kreislauf von Leben geben und Leben nehmen, der nun durch Entdeckung, Verhaftung und Verurteilung zum Stillstand gekommen ist. Aber damit sind die Fragen nach den Motiven keineswegs beantwortet. Ein fiktiver Fall mit authentischen Hintergründen, der hier in Gerichtsszenen, Träumen und Erinnerungen der Mörderin und im Gerede der ratlosen Beobachter noch einmal aufgerollt wird (Kulturradio vom RBB, 21. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Ein Künstler versucht, seinen Lebensunterhalt durch die Teilnahme an Wettbewerben zu sichern. Eine Sängerin bewirbt sich pausenlos bei Castingshows, um ihre Karriere voranzubringen. Es gibt unzählige Wettbewerbe, bei denen man etwas gewinnen kann. Susanne Franzmeyers Feature „Und der Gewinner ist …“ taucht ein in die Welt der notorischen Glücksritter. Was treibt sie an? Gibt es tatsächlich Glückspilze, die von solchen Wettbewerben leben können? Oder gewinnt am Ende immer der Veranstalter? Das Feature beobachtet deutsche Castings und Contests, befragt Auslober, Teilnehmer und Juroren (Kulturradio vom RBB, 22. Oktober, 9 Uhr 05).

Im Roman „Atemschaukel“ erzählt Nobelpreisträgerin Herta Müller von einem Jungen aus Siebenbürgen, der fünf Jahre in einem russischen Zwangsarbeitslager überlebt. Eine beeindruckende literarische Chronik, die von den Erinnerungen des rumäniendeutschen Lyrikers Oskar Pastior inspiriert ist. Gleich nach Ende des 2. Weltkriegs wird der siebzehnjährige Pastior in die Ukraine deportiert, um dort für die Sünden seiner Landsleute zu büßen. Eine Welt der Kälte und des Hungers, erlebt von einem, der fast noch ein Kind ist. Für die Hörspieladaption des Romans ist Regisseur Kai Grehn in die Ukraine gefahren. Direkt in jene Kohlefabrik, in der Pastior damals litt, und deren Sound die Geschichte nun atmosphärisch grundiert (SWR 2, 23. Oktober, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

In Hildegard Lena Kuhlenbergs Hörspiel „Evariste, Georg, Heinrich und Franz oder Die unendliche Tiefe der Leere“ treffen drei früh verstorbene Genies aufeinander. Der französische Mathematiker Evariste Galois und die deutschen Dichter Büchner und Kleist. Sie verbindet nicht nur leidenschaftliche Wahrheitssuche und intensives politisches Engagement, sondern eben auch der frühe Tod. Nun reden und streiten sie über all das, was sie entdeckt haben, aber der Welt nicht mehr mitteilen konnten. Im Hintergrund die Musik eines Schicksalsgenossen. Auch Franz Schubert starb als Dreißigjähriger, auf der Höhe seiner Schöpferkraft, voll künstlerischer Ideen, die er mit ins Grab nehmen musste (Deutschlandradio Kultur, 23. Oktober, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Der Vampir erlebt heute eine beeindruckende Renaissance. Er ist Hauptfigur in literarischen Weltbestsellern und zieht die Menschen in Scharen ins Kino. Dabei ist aus der Horrorgestalt von einst nun ein tragisch-liebenswürdiger Zeitgenosse mit dem kleinen Defekt geworden. Moderne Vampire ringen um Liebe und Anerkennung, suchen Integration in die menschliche Gemeinschaft, bewähren sich als Schutzengel für Problembeladene. Raphael Schmarzochs Feature „Vom Glück, gebissen zu werden“ sucht nach Gründen für diese Wiedergeburt. Was macht den Vampir gerade heute so attraktiv? Gibt es eine besondere Affinität des Zeitgeistes zu nachtaktiven Blutsaugern mit romantischer Aura? (Deutschlandfunk, 23. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

0 Kommentare

Neuester Kommentar