Im Radio : Krise mit 30, Walker ganz fleißig

Das Deutschlandradio Kultur bringt eine Adaption von Ingeborg Bachmanns Monolog über "die Kränkung, die das Leben ist“. Christian Försch erzählt in seinem Feature "Gehen" von der Grundform der menschlichen Fortbewegung.

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Mittlerweile werden 99 Prozent der Fläche Deutschlands von Funknetzen erfasst. Der verbleibende Rest ist das Schlupfloch für die „Elektrosensiblen“. Georg Grubers Feature „Die Sensiblen“ erzählt von Menschen, denen Handystrahlung wie Feuer auf der Haut brennt. Sie leben in abgelegenen Tälern und tragen beim Gang in die Städte einen Strahlenschutzanzug. Mehrere tausend sollen es heute in Deutschland sein, denen Ärzte „extreme Elektrosensibilität“ attestieren. Für die Telefongesellschaften sind Funklöcher nur ein zu bekämpfendes Übel, für die Sensiblen der letzte verbleibende Lebensraum (Deutschlandradio Kultur, 21. Juli, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Seit 60 Jahren ist der „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ die begehrteste Trophäe für deutschsprachige Hörspielmacher. Den Sommer lang werden beim Kulturradio Stücke aus den Archiven gekramt, die diesen Preis irgendwann gewonnen haben. Mitte der Fünfziger ging die Ehrung an Friedrich Dürrenmatts Groteske „Die Panne“. Hauptfigur Alfred Traps ist Handlungsreisender. Als sein Auto auf dem Land eine Panne hat, findet er Unterschlupf bei einem pensionierten Richter, der zusammen mit Freunden ein Gerichtsspiel veranstaltet. Traps lässt sich zum Mitmachen überreden, er gibt den Angeklagten, die anderen wollen ihm einen Mord nachweisen. Ein Spaß, denkt der Reisende, aber bald wird die Sache furchtbar ernst. Schließlich sitzt ein pensionierter Henker mit am Tisch (Kulturradio vom RBB, 24. Juli, 22 Uhr 05).

Als Ingeborg Bachmann dreißig Jahre alt geworden war, schrieb sie eine Erzählung über dieses Ereignis. Ein Monolog über „die Kränkung, die das Leben ist“. Die Bilanz einer Krise. Wenn einer dreißig wird, so befand die Bachmann, überfällt ihn der Zweifel wie ein Virus. Vielleicht ist er gar nicht mehr jung, vielleicht sind die besten Möglichkeiten schon versäumt, vielleicht sitzt er schon längst in der Falle. Melancholische Meditationen über „Das dreißigste Jahr“, die nun in einer schönen Radioadaption nachzuhören sind (Deutschlandradio Kultur, 24. Juli, 18 Uhr 30).

Das Gehen gilt als Hausmittel gegen körperliche und seelische Beschwerden aller Art. Während der Flaneur die Sinne erfrischt, bringt der moderne Walker seinen Kreislauf in Schwung. Nietzsche hat seine geniale Philosophie bei langen Spaziergängen im Hochgebirge geschaffen, Thomas Bernhard lief täglich quer durch Wien. Christian Förschs Feature „Gehen“ erzählt von der Grundform der menschlichen Fortbewegung und ihren unzähligen kulturellen Variationen. Gespräche mit Gangforschern, Wanderern, Bergsteigern und Propagandisten des gesunden Schuhwerks (Kulturradio vom RBB, 24. Juli, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Der Passauer Kriminalrat Kreuzeder ist Chef des Morddezernats geworden. Dabei sitzt er den ganzen Tag im Wirtshaus und ersäuft seine Erfahrung mit den Abgründen der menschlichen Existenz in Hochprozentigem. Die Polizeipsychologin fällt ein vernichtendes Urteil über seine Arbeitskraft. Doch dann wird der Wirt seines Stammlokals ermordet und Kreuzeder hebt die Nase aus dem Bierschaum. Jörg Grasers Krimi „Kreuzeder und die Kellnerin“ ist eine Revue der bayerischen Extreme, mit einem genial-versoffenen Polizisten als Hauptfigur (Deutschlandradio Kultur, 25. Juli, 21 Uhr 33).

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