Im RADIO : Kunst und Vergessen

Tom Peuckert

Wer den Berliner Künstler Martin Kippenberger nie live erlebt hat, kann das mit dem Hörspiel „Kippenberger hören“ von Oliver Augst und Rüdiger Carl nun nachholen. Hier feiert der 1997 verstorbene Maler, Bildhauer, Dichter von Unsinnstexten, Entertainer und Punkmusiker fröhliche Auferstehung. In einer rasanten Text- und Musikcollage mischen sich O-Töne von Kippenberger, Rezitationen seiner Nonsensgedichte und musikalische Statements von der Punkfront im guten, alten West-Berlin. Was Kippenberger meinte, wenn er sich selbst einen „ironischen Alleinunterhalter mit Unterwanderungsabsicht“ nannte, wird noch einmal ganz und gar plastisch (Deutschlandradio Kultur, 31. Juli, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Gefragt nach dem Rezept für ein glückliches Leben nannte die Schauspielerin Ingrid Bergman zwei Dinge: gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis. Letzteres hat zwar in Zeiten wachsender Alzheimerfurcht einen unangenehmen Beigeschmack, aber natürlich gehört zu jedem funktionierenden Erinnerungsvermögen auch das Vergessenkönnen, wie Manuela Reichart in ihrem Feature „Nur die eine nicht, und die heißt: Vergissmeinnicht“ überzeugend darstellt. Die Autorin erzählt vom Erinnern und Vergessen als Basisfunktionen unseres geistigen Lebens. Die moderne Naturwissenschaft hat sich ausgiebig damit beschäftigt, die Kunst hier reichlich Stoff gefunden. Erinnern und Vergessen als dramatische, oft rätselhafte, zuweilen auch kuriose Phänomene (SWR 2, 2. August, 14 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

Die junge Grace ist eine Frau mit brüchiger Identität. Die attraktive New Yorker Journalistin schafft es einfach nicht, sich gegen das Begehren der Männer abzugrenzen. Sie will nett sein und Gefühle nicht verletzen, was aber regelmäßig zu emotionalen Nötigungen und Beinahe-Vergewaltigungen führt. Dann allerdings neigt die Hauptfigur im amüsantem Krimi „Nice“ von Jen Sack zu radikalen Methoden, um ihre beschädigte Freiheit wiederherzustellen. Mit leichter Hand gelingen Grace ein paar perfekte Morde. Bis sie eines Tages von Sam beobachtet wird. Sam ist Spezialist für Auftragsmord und kann sich über das naive Naturtalent nur wundern (Deutschlandradio Kultur, 3. August, 21 Uhr 33).

Ein paar Straßen hinter dem Neuköllner Hermannplatz liegt die Pension Diamant. Der zweitälteste Puff von Berlin, wie die Inhaberin nicht ohne Stolz berichtet. Eine Dame, die seit 35 Jahren im Geschäft ist und nun im Feature „Pension Diamant“ von Julia Willmann und Susanne Krings über ihr turbulentes Leben erzählt. Wie es war, sich als junge Frau mit einem Bordell selbstständig zu machen, wie man als „Puffmutter“ von der Gesellschaft angeschaut wird und wie man nach einem erfahrungsreichen Berufsleben auf die Gesellschaft zurückschaut. Lakonische Bilanzen einer Frau, die nicht nur die Männer gründlich kennengelernt hat (Deutschlandfunk, 4. August, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

Der 1880 in Köln geborene Hermann Harry Schmitz war Vortragskünstler und Humor-Schriftsteller. Ein Meister des rheinischen Frohsinns. Allerdings beging er mit 33 Jahren Selbstmord. Dalohnt es, seine grotesken Geschichten auf einen doppelten Boden abzuhören. Im Hörspiel „Katastrophen!“ erzählt er von der Geburt eines Riesenbabys, das seine Familie in Chaos und Verzweiflung stürzt, und den wirren Fantasien eines Denkers, die Wirklichkeit werden (Deutschlandfunk, 4. August, 20 Uhr 10).

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