Medien : Im Radio: Liebe und Leberwurst

Die Liebe ist eine tödliche Falle. Die einen verschmachten vor Begierde nach ihr, die anderen zerbrechen an den Enttäuschungen, die sie bereitet. Wagner hat den Liebestod in schmetternde Töne gesetzt. Oder nehmen wir Heinrich Blaubart, den berühmten Ritter, der seine Frauen auf tödliche Proben stellte. Dea Loher hat die alte Legende neu gedeutet. "Blaubart - Hoffnung der Frauen" nennt sie ihr Radiodrama, ein Titel, der Feministinnen hellhörig machen dürfte. Lohers Blaubart ist kein gestriger Unhold mit Trutzburg, sondern ein zeitgenössischer Schuhverkäufer aus München. Ein sanfter Mann mit ritterlichen Manieren. Blaubarts letzte Kammer wird zum psychologischen Gleichnis. Es ist die innerste Herzenskammer, die Heinrich gern für sich allein behalten möchte. Als Schuhverkäufer weiß er sich an graziösen Frauenbeinen zu erfreuen, aber die ganz tiefe Leidenschaft ist ihm fremd. Genau diese Zurückhaltung macht die Frauen im Hörspiel rasend. Blaubart wird bedrängt von weiblicher Sehnsucht nach dem unbedingtem Gefühl. Nach einer "Liebe über die Maßen", wie es im Text heißt. Halb sterben die Frauen am Fieber ihrer Sehnsucht, halb legt der überforderte Single letzte Hand an. Ein morbider Reigen, der von den Paradoxien unseres Begehrens erzählt, gespielt von wunderbaren Schauspielerinen, die ihre Untergänge mal mit Coolness, mal mit furienhafter Energie in Szene setzen (Radio Kultur, 4. Mai, 21 Uhr, UKW 92,4 MHz).

Freundlichere Legenden erzählen uns zwei Feature über den Alltag in der einstigen DDR. Helmut Schödel wärmt in "Mahlzeit Genossen!" die leiblichen Genüsse des Ostens noch einmal auf. Launige Erinnerungen an Soljanka und Goldbroiler, Einheitsleberwurst und Krautsalat. Klassische Rezepturen der ostdeutschen Küche werden aus den Archiven gekramt, auch der einzige Fernsehkoch, den die DDR je hatte, kommt zu Wort (im Deutschlandfunk am 4. Mai, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

Sylvia Conradt und Kirsten Heckmann-Janz haben in den Tagebüchern sozialistischer Arbeitskollektive geblättert. Dickleibige Chroniken des verordneten Brigadelebens, in denen sich propagandistischer Slang und ungeschminkte Erinnerungen an schöne Zeiten nahtlos mischen. Die Autorinnen holen einstige Tagebuchschreiber vors Mikrofon und hören Stories aus einem Land, das nicht nur in den Geschichtsbüchern weiterlebt, sondern auch in den Köpfen vieler Zeitgenossen. Eine bittersüße Melange der Erinnerungen. Zwar war das Leben ernst, aber wir haben trotzdem gelacht (Deutschlandradio, 1. Mai, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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