Im RADIO : Löcher im Hirn

Der heilige Tod, Elfriede Jelineks Schutzbefohlene und Prediger der Großstadt: Was man im Radio nicht verpassen sollte.

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Zu Allerseelen wird in Mexiko der Tod gefeiert. Die heilige Frau Tod, genauer gesagt, dargestellt durch ein prächtig geschmücktes Skelett. Ihr zu Ehren wird getrommelt und getanzt, man nascht kleine Schädel aus Zucker und legt Speisen für die Verstorbenen auf den Hausaltar. Iris Disses Hörspiel „O heiliger Tod, Santisima Muerte“ führt eine deutsche Ärztin mitten in dieses schaurig-fröhliche Treiben. Daheim denkt ihre sehr alte Mutter an Selbstmord, in Mexiko erlebt die Tochter, wie der Tod bejubelt wird. Hat Frau Tod auch für sie eine tröstliche Botschaft? (Kulturradio vom RBB, 21. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz)

Die Texte der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek haben fast immer einen Bezug zu aktuellen Konflikten, die Europa erschüttern oder zumindest erschüttern sollten. Ungelöste Probleme, verschwiegenes Unrecht, verdrängter Schmerz. All das geht unverzüglich in Jelineks Literatur ein. Ihr Hörspiel „Die Schutzbefohlenen“ entstand, nachdem Asylsuchende im Dezember 2012 eine Wiener Kirche besetzten. Hinter der tagespolitischen Krise wird das uralte Menschheitsdrama von Flucht und Abweisung erkennbar (Deutschlandradio Kultur, 23. November, 18 Uhr 30, UKW 89,6 Mhz).

Äußerst vielfältig ist heute das religiöse Leben in einer deutschen Großstadt. Es gibt die christlichen Hauptkirchen und die Religionen der Zuwanderer, auch jedes sektiererische Bedürfnis findet seine Befriedigung. Autor Björn Bicker hat sich unter den Gläubigen seiner Heimatstadt München umgehört. Woran glauben sie? Bickers Hörspiel „Urban Prayer“ ist ein Resonanzraum für die Vitalität des Religiösen, aber auch für die paradoxe Vielfalt und Gegensätzlichkeit moderner Glaubensinhalte (Deutschlandfunk, 25. November, 20 Uhr 10, UKW 97,7 Mhz).

Es gibt medizinische Prozeduren, die heute mittelalterlich anmuten, dabei wurden sie noch vor wenigen Jahren praktiziert. Michael Lisseks Feature „Was geht Ihnen durch den Kopf? – Ein Messer“ erzählt die Geschichte der jüngeren Psychochirurgie. Lobotomie, Leukotomie, Stereotaxie waren bis in die siebziger Jahre anerkannte Verfahren. Man bohrte Löcher ins Hirn und zerstörte bestimmte Areale, die angeblich für Krankheiten wie Schizophrenie und Depression, aber auch für Homosexualität verantwortlich waren. Mit gravierenden Folgen für die Behandelten (Deutschlandradio Kultur, 26. November, 0 Uhr 05).Tom Peuckert

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