Im RADIO : Maria und Josef im Plattenbau

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Vor genau 150 Jahren starb Wilhelm Grimm. Sein etwas älterer Bruder Jakob überlebte ihn um ein knappes halbes Jahrzehnt. Vom eigensinnigen Leben der beiden deutschen Geistesikonen erzählt Autorin Dagmar Papula in ihrem Feature „Wir wollen uns einmal nie trennen“. Da sind der fortwährende Fleiß im Dienst der deutschen Sprache und die vielen Fluchten, die autoritäre Monarchen den Demokraten aufzwingen. Auch im Privaten gehen die Brüder ungewöhnliche Wege. Sie führen eine Lebensgemeinschaft, die zunächst von der jüngeren Schwester umsorgt wird. Im trauten Bund schaffen sie die berühmte Märchensammlung und das große Wörterbuch der Deutschen (Kulturradio vom RBB, 16. Dezember, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Zur Weihnachtszeit stürzt in Kopenhagen ein sechsjähriger Junge von einem Hausdach. Die Polizei glaubt an einen Unfall, aber Fräulein Smilla hat ein anderes Gespür. Im Schnee auf dem Dach entdeckt sie die Spuren eines Verfolgers. Wie Smilla nun auf eigene Faust einem Verbrechen nachspürt und dabei in große Gefahr gerät, erzählt Peter Hoeg in seinem Bestseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Die Geschichte, die im Schnee von Kopenhagen ihren Anfang nimmt und später in Grönlands ewiges Eis führt, kann nun in einer schönen Hörspieladaption nachgehört werden (Deutschlandfunk, 19. Dezember, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Der moderne Mensch fürchtet sich vorm Alleinsein. Niemand lässt sich gern der Kontaktarmut bezichtigen. Andererseits singen Dichter und Philosophen das Loblied der Einsamkeit, weil nur Menschenferne die Gedanken klären könne. „Only the Lonely“ heißt ein Feature von Burkhard Reinartz, das einen durchaus janusköpfigen Zustand erkundet. Reinartz’ kleine Phänomenologie des Einsamkeitserlebnisses reicht von quälender Isolation bis zu wohligem Ganz-bei-sich-Sein (Deutschlandfunk, 20. Dezember, 20 Uhr 05).

Ein junges Mädchen berichtet über ihr schon ganz und gar missratenes Leben. Kurze, hastige Sätze, aneinandergeschnitten wie Bilder in einem Actionfilm. Missbrauch durch den Vater, Alkohol, schwere Krankheit. Im nächsten Atemzug bezichtigt sie sich selbst der Lüge, scheint plötzlich nur noch eine großmäulige Göre, die sich auskennt mit rhetorischen Gruseleffekten. Als das Romandebüt „Heul doch!“ von Melanie Arns vor vier Jahren erschien, stritten die Kritiker, ob es sich um ein hyperrealistisches Schauerdrama oder eine raffinierte Psychostudie über einen verwirrten weiblichen Teenager handelt. Auf jeden Fall eine bemerkenswerte Geschichte, die nun in einer schönen Radiofassung nachgehört werden kann (Deutschlandradio Kultur, 21. Dezember, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Für sein Hörspiel „Stern über Marzahn“ hat Lothar Trolle die Weihnachtsgeschichte an den Stadtrand von Ostberlin verlegt. Maria und Josef treiben ihren Esel am Autobahnzubringer entlang, plötzlich fällt dichter Schnee, die Wehen setzen ein. Nur eine einsame Frau hat Mitleid, als Josef auf die Klingelknöpfe eines Hochhauses drückt. Sie öffnet die Tür und Maria kann das Kind im zugigen Hausflur eines Marzahner Plattenbaus gebären. Dringlicher als in diesem Ambiente ist die Ankunft des Erlösers nie gewesen. In seiner poetisch eindrucksvollen Travestie lässt Trolle die Berliner nun in dichten Scharen nach Marzahn pilgern, um den neugeborenen Heiland zu sehen. Wie immer, so viel Realitätsnähe muss sein, ist die BVG vom großen Publikumsansturm total überfordert (Deutschlandfunk, 22. Dezember, 20 Uhr 10).

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