Im RADIO : Mehr Lindgren, weniger Marx

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Speeddating heißt ein beliebtes Beziehungsspiel im Dschungel der Metropolen. Eine größere Gruppe Paarungswilliger versammelt sich, um rasante Zweiergespräche zu führen. Alle fünf Minuten werden die Paare neu gemischt, so kommt man schnell auf eine beachtliche Zahl intensiver Sozialkontakte. Natürlich ist diese Art Event ein gefundenes Fressen fürs Radio, wie die amüsante Kurzhörspielserie „Speeddating“ von Matthias Eckoldt beweist. Wir belauschen Männer und Frauen beim Versuch, ihre Haut mit Hochgeschwindigkeit auf den Beziehungsmarkt zu tragen. Kontrastiert werden die Selbstdarstellungsarien und Dialogscharmützel durch Innenstimmen, die ganz andere Wahrheiten verkünden (Kulturradio, 14. bis 16. November, jeweils 14 Uhr 10, UKW 92,4 MHz).

Wie hätte sich wohl Franz Kafka beim Speeddating angestellt? Wäre ihm innerhalb von fünf Minuten ein erster Satz eingefallen? Wir wissen von Kafkas permanentem Unwohlsein in menschlicher Gesellschaft und dem bohrenden Zweifel am Geschaffenen. In seinem preisgekrönten Hörspiel „Kein Brief gestern, keiner heute“ hat Autor Matthias Baxmann die traurigen Beziehungsgeschichten des literarischen Genies noch einmal rekonstruiert. Kafka, der sich vor der Elementargewalt des Vaters ebenso fürchtet wie vor den Zumutungen solider Bürgerlichkeit, einer Ehe etwa. Aus Kafkas Briefen und Texten komponiert Baxmann eine elegische Partitur der Weltangst (Deutschlandradio Kultur, 14. November, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Drei berühmte Unholde der Geschichte porträtiert Autor Ulrich Schacht in seinem Radioessay „Die Intelligenz des Bösen“. Die Herren Saint-Just, Menshinski und Goebbels sind seelen- und geistesverwandt, auch wenn sie scheinbar ganz unterschiedlichen Weltanschauungen anhingen. Gemeinsam verkörpern sie den Typus des Intellektuellen, der im Namen politischer Utopien zum Mörder wird. Ob Jakobiner, Bolschewik oder Nazi – stets wird mit religiöser Inbrunst über die Lebensrechte ganzer Völker entschieden (Kulturradio, 15. November, 22 Uhr 04).

Auf allen Kanälen feiert die Medienwelt in diesen Tagen Astrid Lindgrens 100. Geburtstag. Beim Südwestrundfunk gibt es eine Sendung, die der großen Erzählerin bestimmt gefallen hätte. „Auf nach Taka-Tuka-Land“ heißt eine Radionacht für Kinder, in der sich die berühmten schwedischen Fabelwesen tummeln. Eine Einladung an alle Halbwüchsigen, es sich weit über die normale Zubettgehzeit hinaus vorm Radio gemütlich zu machen, eine Aufforderung an die Eltern, in dieser Nacht einmal alle Augen zuzudrücken. Vielleicht hören sie ja selber mit, wenn die Reise nach Bullerbü, Saltkrokan und in die Krachmacherstraße geht (SWR 2, 16. November, ab 20 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz)

Karl Marx’ Werk „Das Kapital“ gehört zu jenen dicken Büchern, die man gern gelesen und noch lieber verstanden haben möchte. Meist fehlen dann doch Zeit, Energie oder gar Intelligenz. Die Künstlergruppe „Rimini Protokoll“ bietet einen schönen Ausweg aus der Misere. Für ihr Doku-Hörspiel „Karl Marx: Das Kapital, Band 1“ haben sie in halb Europa interessante Zeitgenossen gefunden, deren Leben als Kommentar zur Marx’schen Kapitalismusanalyse verstanden werden kann. Aus biografischen Erinnerungen entsteht ein charmantes Puzzle, das komplizierte Soziologie durch leichtfüßige Anekdoten ersetzt. Wir hören einen ergrauten Marx-Forscher, einen renommierten Anlagebetrüger, einen deutschen Maoisten, der in China zu Geld kam, und andere Spezialisten des kapitalistischen Alltags (Deutschlandfunk, 20. November, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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