Im RADIO : Mit dem Bikini in die Karpaten

Was Sie diese Woche im Hörfunk nicht verpassen sollten.

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Eines Tages in den Neunzigern waren die jungen Männer am ganzen Körper rasiert. Kein Haar mehr unter der Achsel, keines auf der Brust. Irgendetwas war passiert mit unserem Verständnis von Männlichkeit. Naturwüchsigkeit galt als unchic, der schöne Mann sah zumindest teilweise aus wie eine schöne Frau. Diese und vergleichbare ästhetische Umbrüche analysieren Markus Metz und Georg Seeßlen in ihrem Feature „Backenbart und Bikinizone“. Eine kleine Kulturgeschichte der Körperrasur, ein Streifzug durch unsere wandelbaren Ideale von korrekter und ansprechender Behaarung.Es geht um Techniken, Hygiene und Moden(Deutschlandradio Kultur, 9. März, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Das Down-Syndrom ist in unserer Gesellschaft nicht nur ein relativ häufig vorkommender genetischer Defekt, sondern auch eine Art kulturelles Symbol. Hier lässt sich eindrucksvoll zeigen, was fortgeschrittene Medizin, großherzige Integrationspolitik und spezialisierte Pädagogik leisten können, hier werden soziale Spielregeln zwischen Normalen und Behinderten diskutiert. Nächste Woche ist „Welt-Down-Syndrom-Tag“, ein guter Anlass für Helmut Kopetzkys Feature „Liebe und andere Zwischenfälle“. Der Autor erzählt am exemplarischen Beispiel vom Stand der Dinge. Petra und Sven sind zwei Endzwanziger mit Down-Syndrom, die bei ihren Eltern leben. Nun haben sich die beiden ineinander verliebt, wollen gemeinsam leben, sogar heiraten, wie das Kerngesunde eben auch tun. Eine Bewährungssituation für Eltern, Betreuer, die Umwelt. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte bringt Vorstellungen von Normalität, Autonomie, sozialer Zumutbarkeit ans Licht und auch ins Wanken (Kulturradio vom RBB, 9. März, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

In einem Trödelladen entdeckt der Physiker Chris ein altes Tonband. Als er es zu Hause abspielt, ist die Stimme von Albert Einstein zu hören. Einstein rezitiert komplizierte Zahlenfolgen, die sich nach eingehender Computeranalyse als Geheimformeln entpuppen, mit denen der Zufall außer Kraft gesetzt und die Zukunft vorhergesagt werden kann. „Einsteins Fragment“ heißt Friedrich Bestenreiners Science-Fiction-Hörspiel, das aus dieser Ausgangslage einen furiosen Kriminalfall entspinnt. Die US-Regierung interessiert sich für das Tonband, aber Chris hat eigene Pläne. Autor Bestenreiner war lange als Physiker in der Grundlagenforschung tätig, man darf also davon ausgehen, dass er seinen Einstein verstanden hat. Vielleicht geht ja wirklich etwas mit der Zukunft, wenn man die Dinge nur genügend relativ betrachtet (Deutschlandfunk,12. März, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Hörspiele, hat der Dramatiker Urs Widmer gesagt, sind wie Stummfilme, nur umgekehrt. Warum nicht die Anziehungskraft der Gegensätze erproben? Regisseur Klaus Buhlert hat ein legendäres expressionistisches Lichtspiel mit den künstlerischen Mitteln des Radios neu inszeniert. Auch in seiner Hörspieladaption des Vampir-Schockers „Nosferatu“ nach Bram Stoker und Friedrich Wilhelm Murnau reist der junge, frisch verheiratete Anwalt Hutter in die Karpaten, um eine Immobilie zu verkaufen. Der blutige Ausgang des Unternehmens ist bekannt, ebenso seine Deutbarkeit als Metapher für die Wirren der Weimarer Republik. In Klaus Buhlerts Inszenierung entsteht aufs Neue atemberaubende Spannung (Deutschlandfunk, 12. März, 20 Uhr 05).

Julian Assange und „Wikileaks“ haben uns das Phänomen des politischen Verrats noch einmal drastisch vor Augen geführt. Der politische Verrat, früher auch gerne Hochverrat genannt, ist so alt wie die Politik. Er begleitet sie als ständige Drohung, Antrieb für raffinierte Geheimdiplomatie und Auslöser revolutionärer Umbrüche. Friedrich Pohlmanns Radioessay „Der politische Verrat“ erzählt von der langen Geschichte eines interessanten Verbrechens. Der Autor untersucht Formen und Entwicklung des politischen Verrats von der Dreyfus-Affäre bis zur Gegenwart (SWR 2, 14. März, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

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