Medien : Im Radio: Neid und D-Mark

Reden wir mal über das kleine Horrorkabinett in unserer Brust. Über den Neid zum Beispiel. Eine wirkende Größe im sozialen Organismus, ein wichtiger Schmierstoff im Geschäftsleben der Gesellschaft. Wenn niemand mehr neidisch wäre, schmölze das Bruttosozialprodukt dahin wie Butter an der Sonne, und alle Verkäufer müssten Trauer tragen. Dabei lässt sich privat keiner gern beim Neidischsein ertappen. Vielleicht, weil das Gefühl schon unter Christen als Todsünde galt. Oder, weil generöse Menschen uns meistens als besonders angenehm erscheinen. "Die Neidgesellschaft" heißt ein spannendes Feature von Dörte Hinrichs, das dieser zähen Sünde unseres Herzens gewidmet ist. Die Autorin präsentiert eine kleine Kulturgeschichte des Neids, und sie hat sich unter zeitgenössischen Neidforschern umgehört. Einerseits sang schon Homer vom Neid der Götter und den furchtbaren Folgen, die das für einen beneideten Sterblichen haben konnte. Andererseits weiß die analytische Sozialforschung, dass Neid heute eine der Wurzeln für Xenophobie und Antisemitismus ist. Und dann wären da noch die so genannten Spitzenverdiener. Leute, die für ihre Talente mit Unsummen entlohnt werden. Woraus keiner ein Geheimnis macht. Im Gegenteil, wir hören jeden Tag davon, dass jemand für zehn Millionen Mark jährlich Ball spielt oder schnell mit dem Auto fährt. Das ist keine leere Prahlerei, sondern pure Wirtschaftsförderung. So wird die Flamme des Neides am Lodern gehalten. Ohne sie müsste der kapitalistische Betrieb bald zugemacht werden (Deutschlandfunk, 20. Dezember, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Worauf kann man besser neidisch sein als auf das Geld der anderen? Auf die dicke Marie in fremden Börsen, die Kohle, die der Nebenmann mit vollen Händen ausgibt. Der Südwestrundfunk präsentiert in der kommenden Woche etliche Sondersendungen zum Thema Geld. Der Euro kommt, die D-Mark wandert in den Reißwolf. Zeit für Nostalgie, stille Panik und vor allem fürs Räsonement übers Monetäre. Aus der Fülle der Angebote empfehlen wir den Essay "Verantwortung und Sachlichkeit" von Hans Martin Schönherr-Mann. Es geht um Max Webers Analysen zur protestantischen Ethik. Die Tugend der Schaffenden steht bekanntlich am Ursprung der modernen Geldherrschaft, deren dunkles Komplement schon immer der Sozialneid gewesen ist (SWR 2, 17. Dezember, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wer Geldgeschichten lieber ganz sinnlich und direkt mag, kann sich dagegen an der täglichen Lesung aus Balzacs "Eugénie Grandet" erfreuen (Montag bis Samstag, jeweils um 15 Uhr 05).

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