Im RADIO : Neue Helden sucht das Land

Das Ritual des Stierkampfes, der Trend zu Waldschulen und hilfebedürftige Eltern: Tom Peuckert verrät, was man im Radio in den nächsten Tagen nicht verpassen sollte.

Der jüngste Stierkämpfer Spaniens ist elf Jahre alt. Schon sechs Stiere soll er in der Arena getötet haben. Ein Weltwunder, das Tierschützern vermutlich die Zornesröte ins Gesicht treibt. In der Langen Radionacht „Ein Ritual des Todes“ von Harald Brandt kommen erbitterte Verächter wie glühende Befürworter des Stierkampfes zu Wort. Für die einen ist es Barbarei und Folter, die anderen sehen darin ein erregendes Schauspiel, das fundamentale Wahrheiten über die menschliche Natur ans Licht bringt (Deutschlandradio Kultur, 10. September, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder hat einen Roman über den 11. September geschrieben, den viele Kritiker mit Empörung gelesen haben. Beigbeder erzählt von einem Vater und seinen beiden Söhnen, die im Restaurant auf dem Dach des World Trade Centers sitzen, als unter ihnen die Flugzeuge in den Turm schlagen. In einer Parallelhandlung protokolliert der Autor die Erlebnisse von Vater und Kindern in ihren letzten Lebensminuten und beschreibt sich selbst als stoffgierigen Schriftsteller, der das Höhenrestaurant des Eiffelturms besucht, um sich dort in die Gedanken seiner todgeweihten Figuren einzufühlen. Ist das skandalsüchtiger Zynismus oder doch ein akzeptables literarisches Verfahren? Wer Frédéric Beigbeders Buch „Windows on the world“ noch nicht kennt, kann es nun mit einer Hörspielfassung des Romans versuchen (SWR 2, 11. September, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

In Deutschland boomen die Waldschulen. Schulkinder zahlen Eintrittsgeld, um sich über das Leben im Wald aufklären zu lassen. Das Feature „Der Wald ist schwarz und voller Tiere“ von Anja Kempe untersucht ein Phänomen, das heute überall in den Industrieländern zu beobachten ist. Sozialforscher nennen es „Naturverlust“ (Deutschlandfunk, 11. September, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Einerseits hat die westliche Kultur in den letzten Jahrzehnten alle großfamiliären Bande zerstört. Die erwachsenen Kinder verlassen ihre Elternhäuser, bauen eigene Lebenswelten, oft weit entfernt von den Eltern. Andererseits sind die Gefühle eben doch konservativ, die Bindungen an die Alten streift man lebenslang nicht ab. Zum Konflikt wird das spätestens, wenn die Eltern eines Tages Hilfe brauchen. Das Feature „Hilfe, unsere Eltern werden alt“ von Diana Peßler erzählt, wie eine flexible und mobile Generation mit ihren Verantwortungsgefühlen umgeht (Deutschlandradio Kultur, 12. September, 0 Uhr 05).

Die deutsche Gesellschaft träumt von einer hochstehenden Zivilität, aber damit lassen sich keine Kriege gewinnen, auch die gerechten nicht. Featureautor Marc Thörner hat beobachtet, wie die Bundeswehr seit einiger Zeit nach neuen Heldenbildern sucht. Sein Feature „Der Oberst betet“ erzählt von einem neuen Pragmatismus, dem der militärische Erfolg allemal wichtiger ist als demokratische Ideale. Eine zentrale Figur des Features ist jener deutsche Oberst, der im September 2009 zuerst einen Bombenangriff auf afghanische Zivilisten in die Wege leitete und dann in die Kapelle seines Camps ging, um dort zu beten (Deutschlandfunk, 13. September, 19 Uhr 15).

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