Im Radio : Niedriglohn und Schönheitsrausch

Die gewachsene Unordnung auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist Thema im RBB-Feature, im Deutschlandradio erzählt ein Hörspiel davon, ob Brustvergrößerung, Nasenkorrektur und Fettabsaugen glücklich machen.

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Jede Woche wird in unserem Mietshaus sauber gemacht. Seit einiger Zeit kommt der Mann von der Reinigungsfirma am Sonntagnachmittag. Man ahnt, dass hier jemand keine andere Gelegenheit für die Ausübung seines Zweit- oder Drittjobs findet als eben an jenem Tag, der eigentlich der Ruhe und Erholung dienen soll. Ein schlagendes Beispiel für die gewachsene Unordnung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, von der Annette Wilmes’ Feature „Niedriglohn und Bonuszahlung“ berichtet. Vollzeitbeschäftigung bei einem einzigen Arbeitgeber ist nicht mehr selbstverständlich, gearbeitet wird auf Zeit, mehrgleisig, vielleicht sogar prekär. Das Feature beleuchtet die rechtlichen Hintergründe der neuen Arbeitswelt und ihre sozialen Folgen (Kulturradio vom RBB, 10. Februar, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Wer in jungen Jahren der intellektuellen Großmode des Strukturalismus gefolgt ist, wird an Roland Barthes nicht vorbeigekommen sein. An den Sirenengesängen eines Pariser Intellektuellen, der hinreißende Bücher schrieb über die nervösen Bleistiftstriche der Maler und die Rauheit in den Stimmen der Opernsänger. Barthes dekonstruierte unsere alltäglichen Überzeugungen als raffiniert gesponnenes Netz der Mythen. Wie es um seinen eigenen Alltag aussah, darüber geben nun etliche zu einem Hörspiel zusammengefügte Prosaminiaturen Auskunft. „Pariser Abende“ ist Barthes’ Tagebuch aus drei Spätsommerwochen des Jahres 1979, in denen der homosexuelle Feingeist allnächtlich durch Restaurants, Cafés, Bars streifte. Präzis-poetische Protokolle eines unrettbar Einsamen, der jede Nacht flüchtige Kontakte suchte (Deutschlandradio Kultur, 13. Februar, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Jedes Jahr geht in Deutschland eine halbe Million Menschen zum Schönheitschirurgen. Weil sie an ihrem Spiegelbild leiden, weil die im Fernsehen schöner sind, weil endlich Schluss sein soll mit Einsamkeit und Entbehrung. Brustvergrößerung, Nasenkorrektur und Fettabsaugen sind die Renner im Geschäft mit der käuflichen Schönheit. In Björn Bickers Hörspiel „Kingdom of Schön“ belauschen wir eine illustre Runde altgedienter Schönheitschirurgen. In ihrer aktiven Zeit haben sie gesägt, gespritzt und geschnitten, was das Zeug hielt, immer im Widerstreit mit dem lieben Gott und seiner hinfälligen Natur. Nun erzählen die Ärzte nicht nur von raffinierten und aufwendigen Operationen, sondern auch von verzweifelten Menschen (Deutschlandradio Kultur, 14. Februar, 0 Uhr 05).

Der dicke Kommissar Kreuzeder aus Passau hat ein Alkoholproblem. Kein kleines und verschwiegenes, sondern ein großes und offensiv ausgelebtes. Seine Mittagspausen verbringt er in Dorfgasthöfen, wo er Weißbiere und Schnäpse im halben Dutzend konsumiert. Kreuzeder gefällt es nicht mehr in der Welt, am liebsten möchte er zwangspensioniert werden, um sich dann in Ruhe totzusaufen. Aber der Kommissar wäre nicht die Hauptfigur in Jörg Grasers Krimi „Kreuzeder“, wenn ihm im entscheidenden Augenblick nicht doch große Fähigkeiten zu Gebote stünden. Die beweist Kreuzeder auch in einem bayrischen Kaff, in dem ein scheinbar führungsloser Mähdrescher einen Bankbeamten in Stücke geschnitten hat (Deutschlandradio Kultur, 14. Februar, 21 Uhr 33).

Dass jemand eine charismatische Persönlichkeit sei, gehört zu den höchsten Ehrentiteln, die wir vergeben können. Früher war das Charisma allein der religiösen Sphäre vorbehalten, mittlerweile ist es in allen sozialen Winkeln anzutreffen. Nicht nur Apostel können Charisma besitzen, sondern auch Vorstandvorsitzende, Cheftrainer und Unterhaltungskünstler. Die lange und wandlungsreiche Geschichte eines schillernden Begriffs untersucht Autor Christian Schärf in seinem Radioessay „Charisma“. Was göttliche Gnadengabe war, ist zur Basisausstattung jeder glanzvollen Persönlichkeit geworden. Wer Charisma besitzt, ist heute in jedem Business gut zu gebrauchen. Man kann die Sache nicht einfach per Egotraining erwerben, aber ein paar Tricks zur Steigerung eventuell vorhandener Anlagen gibt es mittlerweile doch (SWR 2, 14. Februar, 22 Uhr 05, Kabel UKW 107,85).

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