Im RADIO : Parfum und befreiter Boden

Was in der nächsten Woche im Radio-Programm wichtig wird. Hier im Überblick.

Tom Peuckert

Wer in Berlin-Mitte am Neubau der BND-Zentrale vorbeikommt, ahnt etwas von der Machtfülle des Geheimdienstes. Ein gigantischer Bau, geschaffen für eine selbstherrliche Bürokratie. Gerald Endres’ Feature „Mit der Organisation Gehlen fing es an“ erzählt aus der Geschichte der bundesdeutschen Geheimdienste. Der Wehrmachtsspion Reinhard Gehlen schuf die erste Schlapphutbande der jungen Bundesrepublik, in seiner Organisation versammelten sich ehemalige Nazi-Agenten, in Deutschland gab es ja keine anderen. Zwar werden Geheimdienste heute parlamentarisch kontrolliert, aber spätestens mit dem NSU-Desaster ist altes Misstrauen wieder erwacht (Deutschlandradio Kultur, 17. Oktober, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Die Psychoanalyse war lange Zeit der wichtigste Geheimschlüssel zum Verständnis des bürgerlichen Individuums und seiner Kultur. Ihren Status als Supertheorie hat Sigmund Freuds Lehre mittlerweile so gut wie verloren, auf dem Markt der Seelenheilkunde konkurriert sie nun mit Tausenden von anderen Methoden. Eine Psychoanalyse dauert lange, verlangt nach aktiver Mitarbeit des Patienten und kann mit den spektakulären Effekten der Psychopharmaka nicht mithalten. Karin Teufels Radioessay „Wie aktuell ist die Psychoanalyse?“ fragt nach den Überlebenschancen einer ehrwürdigen Theorie und ihrer Bedeutung in der heutigen psychologischen Praxis (Kulturradio vom RBB, 18. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Ein Chemiker hat ein unwiderstehlich duftendes Parfum kreiert, das nicht nur süchtig macht, sondern auch Menschen tötet, ohne Spuren zu hinterlassen. Der perfekte Mord scheint möglich, und damit der Aufstieg des Erfinders zu Geld, Ruhm und Macht. Friedrich Bestenreiners Hörspielkrimi „Schwarze Hyazinthe“ entführt in olfaktorische Geheimwelten. Es geht um „encephaloide Molekülgruppen“, um Todessehnsucht und Baudelaires „Blumen des Bösen“. Das Parfum bringt den Chemiker in den Besitz einer schönen Frau, aber damit ist sein Untergang fast schon besiegelt (Deutschlandradio Kultur, 22. Oktober, 21 Uhr 33) .

Jeden Tag werden in Deutschland rund 100 Hektar Boden versiegelt. Neue Häuser entstehen, das Straßennetz wird erweitert, Bauern bekommen bessere Zufahrtswege für ihren Maschinenpark. Gerhard Fitzthums Radioessay „Die Asphaltierung der Welt“ analysiert die Hintergründe des Phänomens. Warum wird die Verwandlung lebendigen Bodens in tote Arbeitsfläche so allgemein akzeptiert? Gibt es ein kulturspezifisches Bedürfnis nach aseptischen Erduntergründen? Und was erleben die Bürger, die sich für Bodenbefreiung engagieren? (SWR 2, 22. Oktober, 22 Uhr 33, Kabel UKW 107,85 MHz).

Das Vertrauen ist eine Art Leitwährung im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Wenn niemand mehr auf die relative Stabilität unserer Geld- und Warenkreisläufe vertrauen würde, wäre der Zusammenbruch unausweichlich. Angelika Brauers Feature „Vertrauensfragen“ interessiert sich für ein mächtiges und trotzdem schwer fassbares Phänomen. Man kann Menschen vertrauen, aber auch Organisationen. Es gibt Urvertrauen, blindes Vertrauen, exzessiven Vertrauensmangel bei den Paranoikern. Das Vertrauen ist allgegenwärtig, der Vertrauensbruch nicht minder. Im Feature bemühen sich Experten vieler Disziplinen um Erklärungen zu einer rätselhaften Bindungskraft (Deutschlandradio Kultur, 24. Oktober, 0 Uhr 05).

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