Im RADIO : Rechenkünstler, Lebenskünstler

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Generationen lustloser Schüler haben die Mathematik als Grundübel ihrer Jugendjahre betrachtet. Eine Sache für blutarme Kopfmenschen, eine Folter für jeden quicklebendigen Geist. Peter Kirstens schöner Radioessay „Galois’ Welt“ erzählt von einer ganz anderen Mathematik. Eine Welt, in der sich leidenschaftliche Rechenkünstler an den großen Rätseln ihres Fachs berauschen. So einer war Evariste Galois, geboren 1811 in Paris, gestorben nur 20 Jahre später. Mit frühreifer Genialität hat Galois ein paar Lösungen für mathematische Tiefenprobleme gefunden, er starb an den Folgen eines Liebeshändels, ohne je den Beifall der gelehrten Welt gehört zu haben. Kirsten erinnert an einen Mathematiker, der den Geistern der romantischen Poesie nahestand (Deutschlandradio Kultur, 30. Mai, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Sie heißen Hawelka, Central, Gerbeaud, Slavia oder Flore. Man findet sie in den Großstädten der Alten Welt, die Reiseführer schwärmen von ihrer glanzvollen Vergangenheit als Bühne, Marktplatz und Schaffensort. Gemeint sind die großen Literarischen Cafés, denen Autor Holmar Attila Mück eine ganze Radionacht widmet. Mück reist zurück an die spektakulären Versammlungsplätze der coffeintrunkenen Bohème, in ein dichtes Gewebe von Mythen und Legenden. Die Radionacht „Allein in guter Gesellschaft“ beschwört alles noch einmal herauf: die Schar der mehr oder weniger berühmten Kaffeehaus-Literaten, die prominenten Wirte und ihre Kellner, den allgegenwärtigen Lärm und die manchmal gedankenschwere Stille dieser Orte (Deutschlandradio Kultur, 2. Juni, ab 0 Uhr 05).



Irgendwann explodierte die Sache mit den Beratern. In riesigen Schwärmen kreisten sie plötzlich über den Marktplätzen. Ein eben noch unbekannter Berufsstand, der nun professionellen Rat in beinahe allen Lebenslagen anbot. Für ihr Feature „Wenn guter Rat teuer ist“ hat sich Andrea Springer in einer boomenden Branche umgehört. Wir lernen Berater kennen, die mit Pferden die emotionale Intelligenz ihrer Kundschaft verbessern, persönlichkeitserweiternde Dschungelabenteuer verkaufen, Hirne linguistisch neuprogrammieren. Die Autorin hat auch die Käufer vor ihr Mikrofon geholt. Warum bucht man Lebensberatung? In welche Hoffnungen wird investiert? Wie zufriedenstellend sind die Ergebnisse? (Deutschlandfunk, 3. Juni, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz)

Christoph Schlingensief

hat nicht nur Film und Theater aufgemischt, sondern auch das Radio in ästhetische Turbulenzen gebracht. „Rocky Dutschke 68“ heißt sein Beitrag zur deutschen Hörspielkultur. Hier lässt Schlingensief noch einmal den großen Agitator Rudi Dutschke in Westberlin einmarschieren. Dutschke, wie er anno 68 marxistische Dialektik vor Kaufhäusern und Zeitungsredaktionen rezitiert, während in den Köpfen verhetzter Kleinbürger die Mordlust schwelt. Christoph Schlingensief inszeniert eine fiebrige Live-Schaltung zwischen deutschen Rundfunkstudios und Reportern draußen im Land. Eine grelle historische Revue, ein großer Radiozauber (Deutschlandradio Kultur, 4. Juni, 0 Uhr 05).

Für europäische Beobachter war China stets ein Gegenstand faszinierter Sorge. Frühe Reisende erzählten von einer extrem widersprüchlichen Hochkultur: robust und doch verfeinert, diszipliniert und doch zügellos. Die Irritationen sind bis in die Gegenwart spürbar, man denke nur an die grassierende Furcht vor dem chinesischen Wirtschaftsboom. Feature-Autor Jens Jarisch hat längere Zeit in Schanghai gelebt und versucht, die gigantische Metropole akustisch zu porträtieren. „Die Stadt der Hundert-Meter-Menschen“ erzählt vom Crash zwischen Tradition und Moderne und den verschwimmenden Bruchlinien zwischen Realität und Fiktion. Von jenem Gefühl der Surrealität, das einen Europäer in Schanghai leicht überfallen kann (Deutschlandradio Kultur, 6. Juni, 0 Uhr 05).

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