Im RADIO : Schmerzen im Herzen

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Schon bei Tschechow wollen die Leute nach Moskau. Dort blüht das Leben und der Mensch wird irgendwie glücklich. Auch heute zieht es moderne Abenteurer in die Zentrale des russischen Imperiums. Ulrike Lückermanns Feature „Das ist erst der Anfang“ porträtiert deutsche Architekten, die den beruflichen Sprung Richtung Osten gewagt haben. Moskau ist Boomtown, überall entstehen Bürotürme und Luxuswohnungen, neue Bahnhöfe und Straßen. Andererseits wird das Land traditionell von einer grässlichen Bürokratie dominiert, gehen Geschäft und Gewalt nahtlos ineinander über. Im Feature erzählen deutsche Architekten, wie sich das russische Business von innen anfühlt (Kulturradio vom RBB, 20. Oktober, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Würzen auch Sie gern mit Glutamat? „Geschmacksverstärkt“ heißt ein Feature von Steffi Mannschatz, das die lange Erfolgsgeschichte dieses industriellen Würzstoffes erzählt. Natriumglutamat schmeckt weder süß noch sauer noch bitter, sondern einfach irgendwie würzig. Umami, köstlich, wie der Japaner sagt. Mit Glutamat hat die Lebensmittelindustrie seit längerem eine kulinarische Allzweckwaffe gefunden. Doch mittlerweile regt sich subkultureller Widerstand. Horrorgeschichten von grässlichen Allergien machen die Runde. Die moderne Ernährung ist zum Problemfall geworden und Glutamat gilt als Hauptverdächtiger (Kulturradio vom RBB, 23. Oktober, 9 Uhr 05).

Eine ganze Radionacht lang beschäftigt sich Autor Rolf Cantzen mit Ehe- und Beziehungskriegen. Ein amüsant-informativer Diskurs unter dem Titel „Schmerzen im Herzen – und ein Dolch für alle Fälle“. Es geht um den Hass, der einander Nahestehende so oft überfällt. Warum führen ehemals Liebende Krieg gegeneinander, bis zur Erschöpfung aller seelischen und finanziellen Ressourcen? Warum gehen Paare nicht einfach auseinander, wenn sie es zusammen nicht mehr aushalten? Cantzen lässt Betroffene erzählen und befragt Mythos und Philosophie, Kunst und natürlich die zeitgenössische Psychologie (Deutschlandradio Kultur, 23. Oktober, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

In seinem Hörspiel „Rocky Dutschke 68“ ließ Christoph Schlingensief den großen Agitator Rudi Dutschke noch einmal in Westberlin einmarschieren. Dutschke, wie er 1968 marxistische Dialektik vor Kaufhäusern und Zeitungsredaktionen rezitiert, während in den Köpfen verhetzter Berliner Kleinbürger die Mordlust schwelt. Schlingensief, der am 21. August an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung starb und in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag gefeiert hätte, simulierte eine fiebrige Liveschaltung zwischen deutschen Rundfunkstudios und Reportern draußen im Land, die dem Phänomen Dutschke nachjagen. Eine grelle Satire auf beinahe alle Formen des falschen Bewusstseins, ein großer Radiozauber (Deutschlandradio Kultur, 24. Oktober, 18 Uhr 30).

Schlingensief II: „Lager ohne Grenzen“ hieß Christoph Schlingensiefs radikalsatirisches Hörspiel zum Krieg im Kosovo. Eine fiktive europäische Spendenaktion für die Opfer des Kosovokrieges als Liveshow im Radio. Wir hören Konferenzschaltungen zwischen linksalternativen Kriegsministern, friedliebenden Nato-Generälen und moralisch engagierten Entertainern. Tief ist Schlingensiefs Misstrauen gegen die kollektive Moral, die der Westen während des Kosovokrieges für sich in Anspruch nimmt. Gegen den politischen Filz aus Sein und Schein, Wahrheit und Lüge, wie er im Medienbetrieb öffentlich wird. Einen Betrieb, den Schlingensiefs dramatische Aktionskunst nicht mehr aufklärerisch enthüllen, sondern hysterisch überbieten will (Deutschlandradio Kultur, 25. Oktober, 0 Uhr 05).

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