Im RADIO : Schöne Frauen und junge Revolutionäre

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten: "Rocky Dutschke 68", "Fisch sin Frau" oder "Hahn zu - Eine Stadt wird trockengelegt".

Tom Peuckert

Der Künstler Christoph Schlingensief hat nicht nur Film und Theater aufgemischt, sondern auch das Radio in ästhetische Turbulenzen gebracht. „Rocky Dutschke 68“ heißt sein Beitrag zur deutschen Hörspielkultur. Schlingensief lässt noch einmal den großen Agitator Rudi Dutschke in West-Berlin einmarschieren. Dutschke, wie er anno ’68 marxistische Dialektik vor Kaufhäusern und Zeitungsredaktionen rezitiert, während in den Köpfen verhetzter Kleinbürger die Mordlust schwelt. Das Hörspiel simuliert fiebrige Live-Schaltungen zwischen deutschen Rundfunkstudios und Reportern draußen im Land. Auch Dutschkes Mutter, die daheim in Luckenwalde unverdrossen Kartoffelsuppe kocht, ist mit von der Partie. Eine grelle historische Revue, ein großer Radiozauber (SWR 2, 18. Januar, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

 

Die schöne Ostseeinsel Hiddensee ist jede Reise wert. Romantische Strände, sanfter Tourismus, eine Vergangenheit als Künstlerkolonie. Wer noch nie da gewesen ist, kann die lokalen Verhältnisse vorab mit Hilfe eines Radiokrimis erkunden. Naturgemäß geschehen hier Dinge, die vom Fremdenverkehrsamt lieber verschwiegen werden. Im Hörspiel „Fischer sin Frau“ von Werner Buhss geht es um schöne Frauen und hässliche Affären. Die Kripo Stralsund findet die Leiche eines Urlaubers am Strand. Der Mann war mit einer Inselschönheit liiert, die allerdings mit dem Sohn einer angesehenen Eingeborenenfamilie verheiratet ist. Scheinbar geht es um Rache. Aber dann kommt doch alles anders als gedacht (Deutschlandfunk, 19. Januar, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

 

Eine kleine Stadt in Ostdeutschland wird von „Heuschrecken“ heimgesucht. Eben gab es hier noch eine große Fabrik, nun ist nur noch Wüste. Das Feature „Hahn zu – Eine Stadt wird trockengelegt“ von Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis erzählt aus dem brandenburgischen Herzberg. Seit 1900 gab es dort eine Armaturenfabrik, die zuletzt zur berühmten Grohe AG gehörte. Vor einigen Jahren verkaufte der Konzern seine Filiale an ausländische Investoren. Die Gewinnerwartungen stiegen ins Unermessliche, und in kurzer Zeit galt der Standort als unrentabel, über Nacht verschwanden sämtliche Arbeitsplätze. Der Autor ist nach Herzberg gefahren und hat die Katastrophe aus Nahdistanz besichtigt. Ein Pfeiler der kleinstädtischen Identität ist gebrochen, junge Leute denken über neue Heimaten nach, die lokale Politik sucht verzweifelt nach Arbeitgebern. Alltag in den Zeiten der Globalisierung (Deutschlandradio Kultur, 19. Januar, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

 

Die Wildnis ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Überall auf der Erde finde man „düstere Wälder mit entsetzlich wilden Tieren“, hieß es noch bei Lukrez. Diese Schreckensvision ist abgetan. Wildnis ist heute ein Sehnsuchtsort, den Reisebüros für teures Geld verkaufen. In ihrem Feature „Betreute Wildnis“ erzählen Andreas Main und Constanze Meyer über die seltsame Dialektik von Phobie und Begehren, mit der wir die Wildnis betrachten. Die alte Wildnis ist ausgerottet, aber die Autoren haben eine neue Wildnis entdeckt: in zeitgenössischen Wetterkatastrophen, in Hochwasser, Dürre und Sturm. Auch im Dschungel der modernen Kommunikationsnetze kann ein Mensch leicht verloren gehen. Wie viel Wildnis können wir ertragen, wie viel Wildnis brauchen wir? (Deutschlandfunk, 20. Januar, 20 Uhr 05)

 

Vor genau zehn Jahren wurde „Attac“ gegründet. Ein Netzwerk und Bündnis gegen die neoliberale Globalisierung, eine Plattform für alle, die sich nicht mit der „Diktatur der Märkte“ abfinden wollten. Es begann in Frankreich, zwei Jahre später zogen die Deutschen nach. Zuletzt hat „Attac“ im Sommer 2007 in Heiligendamm heftig Flagge gezeigt. Das Feature „Die Revolution findet nicht statt“ von Autorin Ruth Jung schaut zurück auf zehn Jahre Widerstand und versucht den Status quo der Bewegung zu definieren. Radikale Kapitalismuskritik und absolute Basisdemokratie sind deren Gründungsprämissen. Immer noch und immer wieder muss „Attac“ über das Ausmaß des Protestes entscheiden. Ziviler Ungehorsam oder militanter Aktionismus? Reform oder Revolution, das ist die Schicksalsfrage (Deutschlandradio Kultur, 21. Januar, 19 Uhr 30).

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