Im Radio : Sex-Gurus und anständige Bürger

Tom Peuckert verrät, was man im Radio nicht verpassen sollte.

Wann ist ein Mensch wirklich tot? In alten Filmen stülpen Ärzte ein Augenlid nach oben und wissen Bescheid. Heute sind die Dinge viel komplizierter geworden. Einerseits lassen sich Grenzzustände zwischen Leben und Tod immer feiner diagnostizieren, andererseits werden endgültige Entscheidungen gerade deshalb schwierig. Eine medizinisch-juristisch-ethische Diskussion über die letzten Kriterien des menschlichen Todes ist entbrannt. Das Feature „Die Untoten“ von Susanne Billig und Petra Geist erzählt von den offenen Fragen, die immer zahlreicher werden. Ab wann genau ist man tot? Und wer darf das mit gutem Gewissen entscheiden? (Deutschlandradio Kultur, 25. August, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz)

Die Hauptfiguren im Hörspiel „Grüne Lunge. Breites Pflaster“ von Katja Hensel heißen Bitterfeld, Wolfen, Halberstadt, Duisburg oder Bremerhaven. Die Autorin hat die landläufige Meinung, dass Städte nicht nur einen Körper, sondern auch Seele und Charakter haben, wörtlich genommen. Städte sind clever, hochmütig, ängstlich, friedfertig oder aggressiv. Und vor allem haben sie ständig mit inneren und äußeren Feinden zu kämpfen. Hensel versetzt ihre Städte in ein Sanatorium namens Deutschlandklinik, wo mit Intrigen und mörderischen Bündnissen um Problemzonenbehandlung, Fitnesskuren und Schönheitspflaster gerangelt wird. Klinikbetreiber ist ein Herr namens Bund, der seine Klinik aus Kostengründen lieber heute als morgen schließen möchte (Kulturradio vom RBB, 28. August, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Kaum etwas scheint dem Menschen erstrebenswerter als Erfolg im sexuellen Konkurrenzkampf. Der Kampf wird mit den Waffen der Natur geführt, mit hohem materiellen Einsatz, aber auch mit den Künsten der Verführung. Dass solche Künste erlernbar sind, behaupten professionelle Anbieter, die heute zahlreich auf den Markt drängen. Wer bei ihnen ein Seminar bucht oder teure Videos und Bücher kauft, darf auf der sexuellen Jagd schon bald eine höhere Trefferquote erwarten. Für sein Feature „Die Pick-Up-Artists“ hat sich Autor Christoph Spittler in der Szene umgehört. Selbsthilfegruppen und Internetforen, Verführung-Gurus aller Grade, Systeme und Strategien, Tricks und Techniken. Auch Frauen sind neuerdings in einschlägigen Workshops anzutreffen (Deutschlandfunk, 28. August, 20 Uhr 05).

Im Januar 1936 veröffentlicht die Moskauer „Prawda“ einen Artikel über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Von Volksfeindlichkeit ist die Rede, von „Wirrwar statt Musik“. Während der Blütezeit des stalinistischen Terrors gleichen solche Kritiken einem Todesurteil. Mit dieser biografischen Situation beginnt das preisgekrönte Hörspiel „Die graue staubige Straße“ von Ilona Jeismann und Peter Avar. Nicht die äußeren Lebensumstände Schostakowitschs in den folgenden Jahren werden erzählt, sondern das innere Drama eines Künstlers, der weiß, dass sein Leben am seidenen Faden hängt. Schostakowitsch lebt und arbeitet weiter, komponiert jene Musik, die seinen Weltruhm begründet, erst mit Stalins Tod löst sich die ungeheure Anspannung. In seiner 10. Sinfonie hat er Grauen und Triumph eine musikalische Gestalt gegeben (Kulturradio vom RBB, 28. August, 22 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Ein junger Mann stürzt aus dem Fenster eines Plattenbaus. Der Verdacht fällt auf seinen Bruder, der ein polizeibekannter Neonazi ist. Eine Tat im Milieu, ein Verbrechen unter Randfiguren. Aber dann gerät ein Architekt und Familienvater ins Zwielicht, der überraschend gute Kontakte zu den Verwahrlosten hat. Das Hörspiel „Der Fall Karassek“ von Holger Böhme ist eine Paraphrase auf die alte Geschichte des politischen Brandstifters, der im juristischen Sinne nichts Strafbares tut und trotzdem zum Auslöser großen Unheils wird. Ein Stück über die große Wut eines anständigen Bürgers (Deutschlandfunk, 30. August, 20 Uhr 10).

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