Im Radio : Songs auf Narkose, Boa am Hals

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Im Sommer 1971 gehen die Rolling Stones ins Exil nach Südfrankreich. Weil es zu Hause Probleme mit den Steuerbehörden gibt, leben die Musiker ein paar Monate lang in einer Villa an der Côte d’Azur. Es werden furchtbar viel Drogen genommen, Mick und Keith streiten unablässig, aber sie machen auch eine Menge guter Musik. In der nächtlichen Sendereihe „Playground“ erinnert Michael Seyfert an das Album „Exil on Main Street“, das im legendären Sommer 1971 entstand. Ein Meisterwerk trotz alledem. Schwere und schwermütige, irgendwie narkotisierte und narkotisierende Songs, die selten in den Best-of-Samplern zu finden sind, aber den wahren Liebhabern deswegen die größten Genüsse bieten (Kulturradio, 8. August, 23 Uhr 35, UKW 92,4 MHz).

Von ortsansässigen Marketingleuten wird das Ruhrgebiet heute am liebsten „Metropole Ruhr“ genannt. Ein knackiges Label für eine alte deutsche Industrielandschaft, der neues ökonomisches Leben eingehaucht werden soll. In ihrem Feature

„Gehirnschmalz statt Grubengold“

erzählen Andrea Lueg und Kate Maleike von der strukturellen Verwandlung des ausgepowerten Ruhrpotts in einen Wirtschaftsstandort mit Zukunftschancen. Statt ehrlicher Malocher soll es hier bald viele erfolgreiche Denker geben. Gefragt sind Firmen der IT-Branche, Wissenschaftsinstitute, Forschungsgelder. Geboten wird eine exzellente Infrastruktur und Erfahrung mit multikulturellen Lebensformen (Deutschlandfunk, 10. August, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).


Da gibt es die Geschichte von der privat gehaltenen Riesenboa, die eines Nachts aus einem offenstehenden Fenster entweicht und in die Wohnung des Nachbarn kriecht. Eine Wandersage, die sich das Publikum immer wieder gern erzählen lässt. Schlangen sind ergiebiges Futter für unsere Urängste, so viel auch die Reptilienkenner protestieren. Freunde und Feinde der Schlange sollten Renate Maurers Radionacht „Fesselnde Schönheiten, Objekte des Grauens“ nicht verpassen. Hier sprechen Forscher, Züchter, Liebhaber, Opfer, sogar die Neurowissenschaftler haben über das dramatische Verhältnis des Menschen zur Schlange nachgedacht (Deutschlandradio Kultur, 11. August, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Manchmal ist das Verbrechen im Kriminalhörspiel bloß eine schöne Nebensache. In

Oliver Bukowskis

turbulenter Farce „Serjosha & Schultz“ geht es vor allen um zwei Kommissarinnen, die ab sofort den Dienstweg gemeinsam beschreiten müssen. Frau Serjosha stammt aus Hessen, ihre Kollegin Frau Schultz aus tief proletarischem Osten. In atemberaubenden rhetorischen Duellen entlädt sich eine fulminante Hassliebe. Obwohl sogar der ehemalige Bundeskanzler verwickelt ist, lässt ihr rasantes Duell den eigentlichen Kriminalfall nebensächlich werden (Deutschlandradio Kultur, 12. August, 15 Uhr 05).


Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren ist hässlich. Keiner hat das so überzeugend erzählt, wie

Rolf-Dieter Brinkmann

. Sein Deutschland war eine rasch wachsende Betonwüste mit verspießerter Alltagskultur und korruptem Kulturbetrieb. Im Jahr 1973 gab der WDR dem Dichter ein Aufnahmegerät und bat ihn, die Geräuschwelt seines Kölner Alltags zu protokollieren und zu kommentieren. „Die Wörter sind böse“ nannte Brinkmann das so entstandene Dokument. Akustische Streifzüge durch eine Stadt mit „gelbschmutzigem Himmel“, kunstvoll rhythmisierte Schimpftiraden auf ein „verrottetes Land“. Geniale Beobachtungen und maßloser Zorn eines Mannes, der zu den großen Magiern der deutschen Sprache gehört (Deutschlandradio Kultur, 13. August, 0 Uhr 05).

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