Im RADIO : Soziologie und Schneidezähne

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Die Mitte der Gesellschaft erodiert, an den Rändern geht es bedrohlich zu. Das ist nicht unbedingt eine neue Diagnose für Deutschland, aber jede Generation füllt sie mit eigenen Anschauungsbildern. Unter dem Titel „Reiche, Arme, Ausgeschlossene“ hat Autor Jochen Rack mit renommierten deutschen Soziologen über wachsende Gerechtigkeitslücken, eine rebellischer werdende Unterschicht, plutokratische Eliten und ähnlich unfrohe Botschaften gesprochen. Da ist zum Beispiel der Soziologieprofessor Heinz Bude. Ein Wissenschaftler, der unermüdlich auf einen dramatischen Riss in unserer Gesellschaft aufmerksam macht. Durch lange Arbeitslosigkeit oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse fallen Menschen aus allen sozialen Anerkennungszusammenhängen heraus und werden zu Ausgeschlossenen. Sie leben auf einer Schwundstufe des Sozialen, deren traumatische Auswirkungen Bude erforscht (Kulturradio vom RBB, 29. April, 22 Uhr 05, UKW 92,4MHz).

Es ist das erfolgreichste Theaterstück der letzten Jahre gewesen. In „Der Gott des Gemetzels“ erzählt die französische Autorin Yasmina Reza von zwei Mittelschichtspaaren, die sich eines Abends in kultivierter Atmosphäre zusammensetzen, um ein kleines Gewaltproblem aus der Welt zu schaffen. Ihre Söhne haben sich auf dem Schulhof geprügelt, ein Schneidezahn ging dabei verloren. Nun sollen Schuldfragen geklärt und eine Versöhnung herbeigeführt werden. Aber der so hoffnungsvoll begonnene Abend versinkt bald in einem Chaos aus Hysterie und mühsam unterdrückter Aggressivität. Wer Rezas raffinierte bürgerliche Seelenschau bisher im Theater verpasst hat, sollte sich die schöne Hörspielfassung des Dramas nicht entgehen lassen (SWR 2, 30. April, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

Irgendwann kam die Werbung auf die Idee, Sparsamkeit und Erotik miteinander zu verbinden. „Geiz ist geil“, hämmerte es von den Plakatwänden. Steckt hinter diesem Slogan mehr als nur die kreative Witzigkeit der Werbebranche? Nora Bauers Feature „Die Biologie der Sparsamkeit oder Von der Kunst, genügsam zu sein“ betrachtet Sparsamkeit als fundamentale Lebenstugend. Protestantische Ethiken sind darauf gegründet worden, zuweilen gilt sie als Essenz des kapitalistischen Wirtschaftens. Ihr Zerrbild ist die Knausrigkeit, die entfesselte Sorge ums Materielle, die zuverlässig jeden Lebensgenuss verhindert (Deutschlandfunk, 2. Mai, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Klimakatastrophe, globale Finanzkrise, Schweinegrippe. Das waren die Leitmotive im Katastrophensound der jüngsten Vergangenheit. Ganz sicher werden wir demnächst neue Kandidaten kennenlernen und trotzdem hoffen, dass alles nur Medienpalaver bleibt. In Kathrin Rögglas Hörspiel „Die Alarmbereiten“ findet sich diese moderne Bewusstseinslage furios aufbereitet. Zu vernehmen ist der atemlose Monolog einer zeitgenössischen Kassandra, die auch nichts genaues weiß, aber trotzdem alles zur Sprache bringt. Im rhetorischen Dauerfeuer quellen die apokalyptischen Bilder und Begrifflichkeiten, stets im Konjunktiv und aus zweiter Hand. Ein alarmiertes Drama aus den Hallräumen unserer medialen Erregungskultur (Deutschlandradio Kultur, 3. Mai, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Oliver Bukowskis Radiokrimi „Wo viel Licht …“ handelt vom Glück. Wie es sich für einen Krimi gehört, treten hier besonders seine Feinde in Aktion. Ein Giftmischer treibt sein serielles Unwesen. Wie BKA-Profiler Paul Kerfinger herausfindet, trifft es immer wieder Leute, die im Leben bisher viel Glück gehabt haben. An der schwarzhumorigen Jagd auf einen mörderischen Neidhammel ist bald Kerfingers ganze Familie beteiligt (Deutschlandradio Kultur, 3. Mai, 21 Uhr 33).

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