Im RADIO : Speed-Dating mit Max Frisch

Hörspiele, Features, Lange Nächtes: Was Sie diese Woche im Hörfunk nicht verpassen sollten.

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Als der Stalinismus in Russland blühte, wurden dessen Gegner gern für geisteskrank erklärt. Nur Verrückte, hieß es, wären nicht in der Lage, die phänomenalen Erfolge des Sowjetsystems zu erkennen. Schon seit der Zarenzeit gab es in der russischen Stadt Kasan riesige Lager der Gefängnispsychiatrie, hier wurden auch die neuen Dissidenten ohne Gerichtsurteil und Limitierung ihrer Strafe hineingetrieben. Eine moderne Hölle, die bis in die neunziger Jahre hinein in Betrieb geblieben ist. Für ihr Feature „Dissident – also geisteskrank“ haben Elena Knipp und Heike Tauch nach Zeugen der Schrecken von Kasan gesucht. Berichte aus einer politischen Geheimwelt, über die noch heute in Russland wenig geredet wird (Kulturradio vom RBB, 30. März, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Wie kein Zweiter hat Max Frisch die paradoxe Existenz der Schweiz im 20. Jahrhundert beschrieben. Die nationale Unversehrtheit inmitten großer Katastrophen, die weniger eigenes Verdienst als historischer Glücksumstand war. Essbar, hat Frisch das Glück der Schweizer genannt, in Anspielung auf die einheimische Produktion von feiner Schokolade und schmackhaftem Käse. Max Frisch – Pfeifenraucher, Autor legendärer Romane und Dramen, Ikone der linken Protestbewegung – ist die Hauptfigur in Rüdiger Heimlichs Langer Radionacht „Behaust, unbehaust“. Eine Suche nach dem berühmten Autor, die quer durch sein Werk führt. Wichtigste Zeugin ist Frischs älteste Tochter, die unlängst ein Buch über ihren schwierigen Vater geschrieben hat (Deutschlandradio Kultur, 2. April, ab 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHZ).

Mark Ravenhills Monodrama „Das Experiment“ berichtet eine Stimme über schreckliche Dinge, die Kindern angetan wurden. Viren wurden gespritzt und Krebszellen eingetragen, weil man hoffte, auf diesem Weg eine Therapie für einen Schwerstkranken zu finden. Vielleicht war der Berichtende selbst der Täter, vielleicht war er nur Beobachter, vielleicht war alles ein Fiebertraum oder auch nur ein Horrorfilm im Fernsehen. Panisch deliriert die Stimme zwischen Bekenntniszwang und Erinnerungsflucht. Ravenhills eindrucksvolles Hörspiel scheint der symbolische Spiegel einer Welt, die für ihren Traum vom guten Leben über Leichen geht (Deutschlandradio Kultur, 3. April, 18 Uhr 30).

Was macht eigentlich die Generation Praktikum? In Nikola Richters Hörspiel „Die Lebenspraktikanten“ tut sie, was man von ihr erwartet. Sie lebt nach den Forderungen der idealen Bewerbungsmappe und hält sich fit für eventuell kommende Karriereschritte. Die vier Lebenspraktikanten, von denen das Hörspiel erzählt, trainieren unermüdlich Flexibilität, Kreativität, Anpassungsfähigkeit. Sie knüpfen Kontakte und reisen Jobangeboten hinterher. Aber dann sitzen sie doch im falschen Zug, verpassen den Anschluss, steigen zu früh wieder aus. Böse dämmert die Ahnung, man befinde sich nicht mehr im geordneten Übergang, sondern bereits in einer Endlosschleife des Prekären (SWR 2, 5. April, 19 Uhr 20, Kabel, UKW 107,85 MHz).

Gewisse soziale Erfindungen sind einfach brillant. Zum Beispiel das Speed-Dating. Zehn Männer und zehn Frauen treffen sich an einem neutralen Ort und haben wenige Minuten Zeit, sich um die Gunst eines potenziellen Partners zu bewerben. Nach einer Stunde hat jeder Teilnehmer zehn Kandidaten durchgecheckt und damit mehr Partnersuche absolviert als im ganzen Jahr. Für ihr Feature „Sag doch einfach Hallo“ hat Autorin Katrin Moll sich unter Speed-Datern umgehört. Was treibt sie dazu, ihre Haut mit Hochgeschwindigkeit auf den Beziehungsmarkt zu tragen? Welche Strategien werden bei dieser ebenso komischen wie plausiblen Veranstaltung bevorzugt? (Deutschlandradio Kultur, 6. April, 0 Uhr 05).

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