Medien : Im Radio: Stalin und Hitler

Was wird bleiben von den blutigen Ideenkämpfen des 20. Jahrhunderts? Vom erbitterten Ringen um den Kommunismus? Auf jeden Fall die radikalen Pointen des Dramatikers Heiner Müller. Dessen letztes Theaterstück "Germania 3" ist ein poetischer Gewaltmarsch durch die Gründe und Abgründe der deutschen Geschichte. Nach dem Ende der DDR beschwor Müller hier die Lemuren der jüngeren Vergangenheit noch einmal herauf: Stalin und Hitler, Ulbricht und Thälmann, Nazi-Generäle und russische Kommissare. Auch der Rosa Riese gehörte zu Müllers Totentanz, jener Frauenmörder im Beelitzer Forst, der zuvor Berufssoldat der DDR-Armee gewesen war. Die Hörspielfassung des Dramas überrascht mit einem ästhetischen Geniestreich: der Schauspieler Ulrich Mühe gibt sämtliche Rollen. Er ist Ulbricht und Stalin, zahnlose Generalswitwe und sächsischer Provinzfunktionär. Und bleibt in allen Verwandlungen stets dezent, präzise, geistreich. Müllers gestochen scharfe Analysen zur historischen Dialektik des Jahrhunderts und Mühes sensible Artistik ergeben ein außergewöhnliches Radiokunstwerk (Deutschlandfunk, heute, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Reflexionen zu einem historischen Phänomen, das auch Heiner Müller stets im Blick hatte, verspricht ein Radioessay von Claudia Schmölders: "Schrecken wie Heu" ist ihr Text überschrieben, der sich den Massen der Gegenwart zuwendet. Einst war die revolutionäre Masse das Studienobjekt gelernter Mediziner, von Gustave Le Bon bis Sigmund Freud. Welche Visionen knüpfen sich heute an die Beschäftigung mit der großen Zahl? Schmölders Essay erzählt von der Massenbildung durch die Bevölkerungsexplosion, von den Leidensmassen in den zeitgenössischen Bürgerkriegen und von neuen Völkerwanderungen, die sich aus dem Wohlstandsgefälle der Welt ergeben (Radio Kultur, 26. Oktober, 22 Uhr, UKW 92,4 MHz).

Viel heiterer geht es zu in Jiri Kratochvils Hörspiel "Großmutter feiert ihren 99. Geburtstag". Ein vielbeschäftigter Enkel lässt sich bei Großmutters Geburtstagsparty durch ein Schauspieler-Double vertreten. Dieser an sich harmlose Trick raubt der ganzen Festgesellschaft bald den sicheren Boden unter den Füßen. Es mehren sich die Anzeichen, dass sämtliche Gäste des Festes gedoubelt sind. Auch Großmutter sah im letzten Jahr noch ganz anders aus. Als sich schließlich der Tod unter die Anwesenden mischt, weiß niemand mehr, ob hier noch eine wirkliche Schreckensfigur die Szene betritt. Oder ist der Tod so wie das Leben: nur noch ein Party-Gag? (Radio Kultur, 24. Oktober, 22 Uhr)

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