Im RADIO : Swing, Särge, Sonderlinge

Das Tagebuch einer Hundertjährigen, der eiskalte Riesenknast Sibirien, Swing bei den Nazis - was man in den nächsten Tagen im Radio geboten bekommt.

von

Herr Jensen ist Briefträger. Seit anderthalb Jahrzehnten versieht er seinen Dienst ohne Fehl und Tadel, aber nun wird er trotzdem entlassen. Er stürzt aus dem sozialen Netz, das ihn bisher zuverlässig gehalten hat. In seinen Hörspielminiaturen „Herr Jensen steigt aus“ erzählt Autor Jakob Hein, wie ein moderner Jedermann bei dem Versuch, seine bescheidene Individualität auch ohne Job zu behaupten, zum Grübler und Sonderling mutiert. (Kulturradio vom RBB, bis 24. Januar, Montag bis Freitag, jeweils 14 Uhr 10, UKW 92,4 MHz).

Eine Hundertjährige schreibt Tagebuch. Wie sie sich durch ihren Berliner Alltag schlägt, wie manches am Leben noch Freude macht und vieles andere nicht mehr. Ein Frühstück im Lieblingscafé ist möglich, die Fahrt mit dem Bus tabu. Noch geht sie im Fachgeschäft ihres Vertrauens einkaufen, über die Straße müssen ihr Fremde helfen. Melina von Gagerns Feature „Stellt den Sarg hochkant und tanzt!“ öffnet das Tagebuch einer tapferen Dame, die mitten in Berlin 102 Jahre alt geworden ist. (Deutschlandfunk, 17. Januar, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Sibirien war das größte Gefängnis der Welt. Ein eiskalter Riesenknast, der sich über sieben Zeitzonen erstreckt. Erst die Zaren, dann die Sowjetfürsten haben hier „Problemfälle“ aller Art entsorgt. Nicht nur gewöhnliche Kriminelle, sondern auch politische Widersacher wurden nach Sibirien verbannt. Eine eindrucksvolle Beschreibung dieses Strafsystems hat der Dichter Anton Tschechow geliefert, nachdem er Sibirien im Jahr 1890 besuchte. Aus Tschechows Aufzeichnungen entstand Lothar Trolles Hörspiel „Sachalin – Die Insel“. Sibirien als gewaltiges Menschenexperiment betrachtet (Deutschlandfunk, 18. Januar, 20 Uhr 05).

Die Nazis hassten Swing-Musik und drangsalierten ihre Anhänger. Swing war die Antithese zum Marschrhythmus der Hitlerjugend. Polizeiminister Himmler wies seine Schergen an, langhaarige Swing-Jünglinge ins KZ zu schicken und dort kräftig durchzuprügeln. Ian Bilds Feature „Swing High, Swing Low“ erzählt mit den Stimmen letzter Zeitzeugen, wie das bei vielen Unerschrockenen trotzdem nichts half. Ehemalige Swing-Boys, -Girls und -Musiker berichten über ihre Besessenheit und Inhaftierungen. (Deutschlandradio Kultur, 22. Januar, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz). Tom Peuckert

0 Kommentare

Neuester Kommentar