Medien : Im Radio: Text nach Wunsch

Lange wurde über die Zukunft des Berliner Senders Radio Kultur gestritten und gefeilscht. Seit Anfang Januar sind die Ergebnisse zu hören. Zumindest im Wortprogramm ist der Sparkommissar jetzt klarer Punktsieger. Radio Kultur produziert immer weniger eigene Hörspiele und Features. Man sendet Archivmaterial und macht ausgedehnte Sommerpausen. Natürlich bringt die Berliner Hörspielgemeinde mittlerweile jeden Quotenzähler zum Weinen, aber geht es hier nicht auch um Artenschutz für Minoritäten? Um großherziges Mäzenatentum für eine bedrohte Kunstform?

Mit charmanten Tricks werden die neuesten Kürzungen kaschiert. Statt der legendären Reihe "Passagen", in der am Sonnabend bisher neue Radioprosa gelesen wurde, gibt es nun die Sendung "Text nach Wunsch". Das verehrte Publikum darf sich Hörspiele, Essays oder Features wünschen, die es bei früheren Ausstrahlungen verpasst hat. Der Griff ins Archiv wird zum Geschenk an die Hörer verklärt. Allerdings ist auch hier Bescheidenheit oberstes Gebot. Wer nach aufwendig produzierten Hörspielen verlangt, für die selbst bei Wiederholungen hohe Kosten anfallen, wird wohl ungetröstet bleiben. Falls jemand die Buchhaltung ärgern möchte, könnte er sich etwa Christoph Schlingensiefs Hörspiel "Rocky Dutschke 68" wünschen. Nicht nur eine der besten, sondern auch der teuersten Radioproduktionen der vergangenen Jahre ("Text nach Wunsch", Sonnabend, 22 Uhr, UKW 92,4 MHz; Wünsche unter Fax 030/30 313 208).

Eine kleine, charmante Reihe im Südwestradio sei an dieser Stelle empfohlen. Wer sich ein spätes Frühstück mit Musik leisten kann, möge die "Musikstunde" hören. Jeden Morgen ab neun Uhr werden hier mit diskreter Gelehrsamkeit musikgeschichtliche Themen abgehandelt. Zuletzt lauschten wir eine ganze Woche lang atemlos den wienerisch tönenden Analysen eines Herrn Otto Brusatti, der anhand zahlreicher Beispiele in Schönbergs Musik einführte. Die nächste Woche bringt eine "Kleine Geschichte der Tanzmusik": wie sich Renaissance-Menschen und Versailler Hofgesellschaft zum Tanz aufspielen ließen, warum der Wiener Walzer selig macht und weshalb das Tanzen den Nationalcharakter verrät (SWR 2, wochentags 9 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

Die Beat-Reihe im Deutschlandfunk wird übrigens mit Richard Brautigans Krimi "Hawkline Monster" fortgesetzt. Es geht um die groteske Reise zweier Berufskiller durch die Mythenlandschaft des amerikanischen Western - ein frühes Dokument der Postmoderne (Deutschlandfunk, 20. Januar, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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