Im RADIO : Traumdeuter und Waldschrate

Was Sie diese Woche im Hörfunk nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Vor über hundert Jahren hat Freud den Traum als einen neuen Kontinent des Wissens entdeckt. Lange galten die Psychoanalytiker als Experten für alle Traumangelegenheiten, doch mittlerweile bemühen sich auch Neurobiologen um die nächtliche Bilderschrift. Das Feature „Tür zum Unbewussten oder neuronaler Abfall?“ von Sandra Topan berichtet aus den Labors und Denkstuben der modernen Traumforschung. Warum lässt die Natur uns träumen? Ist der Traum ein Archivar, der im Gedächtnis für Ordnung sorgt? Macht er die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens durch Wiederholung unvergesslich? Oder wird via Traum doch nur geistiger Abfall entsorgt? (Deutschlandradio Kultur, 7. Februar, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz)

Lehrer Jungnickel wird ins Irrenhaus eingeliefert, weil er behauptet, ein Mörder zu sein, aber keine Beweise vorlegen kann. In der Anstalt trifft er depressive Polizisten, verwirrte Fernsehjunkies, posttraumatische Berufssoldaten. Weil Wahnsinn und Gerechtigkeitsgefühl in der Krimigroteske „Spritztour mit Leichenwagen“ von Holger Böhme einander nicht ausschließen, bringen Jungnickels Leidensgenossen nun Licht in das Dunkel eines verworrenen Kriminalfalls. Am Ende ist nicht nur der wirkliche Mörder überführt, sondern auch der Beweis erbracht, dass Verrückte häufig die schlaueren Menschen sind (Deutschlandfunk, 9. Februar, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

In Berlin darf jeder glauben, was er will. Nicht nur die großen Kirchen haben Zulauf, es gibt auch eine breit gefächerte religiöse Subkultur. Das Hörspiel „Gnosis oder Die Moabiter“ von Oliver Sturm erkundet die Welt der Sekten und kleinen Religionsgemeinschaften in der Hauptstadt. Vorm Mikrofon werden fundamentalistische Gewissheiten bekundet, apokalyptische Fantasien ausgeplaudert, transzendente Erlebnisse beschworen. Auch die Gebete der Gläubigen hat der Autor aufgezeichnet, in zahlreichen Sprachen und Stilrichtungen. Ein vielstimmiger Trip durch den religiösen Untergrund der Stadt (Deutschlandfunk, 9. Februar, 20 Uhr 05).

Eine Woche lang ist Autor Rainer Schildberger im Wald gewesen. Abseits markierter Wanderwege und ohne Begleitung. Auch die Nächte hat er allein im Waldesdunkel verbracht. In seinem Feature „Der Wald steht schwarz und schweiget“ erzählt er von der Suche nach einem verlorenen mythischen Erfahrungsraum. Forstindustrie, Tourismus und Straßenbau haben aus dem deutschen Wald eine rational organisierte Kulturlandschaft gemacht. Der Autor sucht noch einmal den Weg zurück ins märchenhaft schwarze Dickicht (Kulturradio vom RBB, 10. Februar, 14 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Von Martin Luther wissen wir, dass er hinreißend schimpfen konnte. Die ganze Welt ist ein Scheißhaus, heißt es in den berühmten Tischreden. Der Radioessay „Vom Granteln, Murren, Meckern, Motzen“ von Karl-Heinz Ott untersucht das Schimpfen als fundamentale Lebensäußerung des Menschen. Das Schimpfen gehört dazu wie Atmen und Essen. Formale Nuancen gibt es viele, vom dezenten Meckern bis zum groben Gebrüll. Die Anlässe für schimpfende Erregung sind unerschöpflich, was nach Luther als direkte Folge unserer Vertreibung aus dem Paradies betrachtet werden muss (SWR 2, 11. Februar, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

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