Im RADIO : Volksverführer und Volksdrogen

Die Stimmen der Goebbels-Kinder, der Zuckerverbrauch der Deutschen, Rolf-Dieter Brinkmanns römische Tagebücher: Tipps für interessante Radio-Sendungen.

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Die Hauptfigur im Hörspiel „Flughunde“ von Marcel Beyer ist Soldat. Als Wachmann in Hitlers letztem Bunker beobachtet er im Frühjahr 1945 die Exzesse des Untergangs. Aber dieser Hermann Karnau treibt auch bizarre Forschungen, ein Sonderling, halb Genie, halb Wahnsinniger. Er hat die Stimmen der Goebbels-Kinder aufgezeichnet, die von ihren Eltern im Mai 1945 ermordet werden. Viele Jahrzehnte später lauscht er den fernen Klängen nach (Deutschlandfunk, 16. Mai, 20 Uhr 05, UKW 97,7 Mhz).

Der Deutsche isst 36 Kilo Zucker pro Jahr. Der kleinere Teil kommt aus der Zuckerdose, der große Rest versteckt sich in scheinbar unverdächtigen Lebensmitteln. Weil Zucker irgendwie glücklich macht, mischt die Nahrungsmittelindustrie ihren Produkten reichlich Süßes bei. Das Feature „Guter Zucker – böser Zucker“ von Margit Miosga taucht tief ein in die Dialektik einer Volksdroge (Kulturradio vom RBB, 18. Mai, 19 Uhr 04, UKW 92,4 Mhz).

Die junge Marjorie hat einen brutalen Ehemann. Er tyrannsiert die Familie, denkt nur an sich. Als Marjories Schwester scheinbar Selbstmord begeht, aber ein deutlicher Verdacht auf den Schwager fällt, holt die Mutter der beiden jungen Frauen zum Racheschlag aus. Das Hörspiel „Tödliche Ohnmacht“, nach einem Roman des Briten Cecil Scott Forester, bietet altenglische Krimiatmosphäre (Deutschlandradio Kultur, 18. Mai, 21 Uhr 30, UKW 89,6 Mhz).

Die Welt ist hässlich. Keiner hat das so eindrucksvoll beschrieben wie Rolf-Dieter Brinkmann. Die poetische Stimme der deutschen 68er-Revolte. Auch vor der alten Stadt Rom hat die depressive Wut des Dichters nicht Halt gemacht. Das Hörspiel „Schnitte“ bietet eine Collage aus Brinkmanns römischen Tagebüchern, entstanden in den frühen Siebzigern. Eine Flut kunstvoll rhythmisierter Schimpftiraden, von Christian Brückner zu Gehör gebracht (Deutschlandfunk, 19. Mai, 20 Uhr 10).

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